Nächtlicher Harndrang plagt auch viele jüngere Menschen. / © Shutterstock/Gorodenkoff
Die Nykturie ist ein weit verbreitetes, jedoch häufig unterschätztes Symptom. Nach der Definition der Internationalen Kontinenzgesellschaft (ICS) aus dem Jahr 2018 liegt sie vor, wenn eine Person während der Hauptschlafphase erwacht und zur Toilette muss. Voraussetzung ist, dass vor der ersten Miktion eine Schlafphase stattgefunden hat und jede weitere Entleerung mit der Absicht erfolgt, anschließend wieder einzuschlafen. Aus diesem Grund zählen Miktionen vor dem Einschlafen nicht zur Nykturie, sondern nur zur nächtlichen Miktionshäufigkeit. Wacht eine Person hingegen in der Nacht gegen 3 Uhr auf und kann trotz des Vorhabens, weiterzuschlafen, nicht wieder einschlafen, zählt ein Toilettengang um 4 Uhr zur Nykturie. Der Einfluss der Nykturie auf die Lebensqualität wird in der aktualisierten Definition im Gegensatz zu früheren Versionen nicht mehr berücksichtigt. Als klinisch relevant gilt das Symptom in der Regel ab zwei nächtlichen Miktionen (9, 25, 26, 33, 34).
Nykturie tritt bei Männern und Frauen etwa gleich häufig auf, wobei die Wahrscheinlichkeit mit dem Lebensalter deutlich zunimmt. Mehr als die Hälfte der Über-60-Jährigen muss in der Nacht mindestens zweimal zur Toilette. Werden auch Personen mit nur einer nächtlichen Miktion einbezogen, liegen die Prävalenzraten bei älteren Männern zwischen 69 und 93 Prozent sowie bei älteren Frauen zwischen 74 und 77 Prozent.
Nykturie kann auch schon bei jüngeren Menschen zwischen 20 und 40 Jahren auftreten. So müssen 11 bis 35 Prozent der Männer und 20 bis 44 Prozent der Frauen in der Nacht mindestens einmal Wasser lassen.
Da viele Betroffene die nächtlichen Toilettengänge aus Scham verschweigen oder als altersbedingt ansehen, wird die tatsächliche Häufigkeit vermutlich unterschätzt. Verlässliche aktuelle Daten zur Prävalenz liegen nicht vor (9, 10, 11).
Ob eine Nykturie entsteht, hängt maßgeblich vom Verhältnis zwischen nächtlicher Urinproduktion und Blasenkapazität ab. Grundsätzlich lassen sich drei Hauptmechanismen unterscheiden: verminderte Blasenkapazität, gesteigerte nächtliche Diurese und erhöhte Flüssigkeitsaufnahme. Nach der International Consultation on Male Lower Urinary Tract Symptoms werden die Ursachen der Nykturie fünf Hauptgruppen zugeordnet. Diese sind:
Die nächtliche Polyurie ist die häufigste Ursache einer Nykturie und liegt bei bis zu 85 Prozent der älteren Betroffenen vor. Als Auslöser kommen Störungen der circadianen Sekretion des antidiuretischen Hormons (ADH, Vasopressin) oder eine erhöhte Flüssigkeitsaufnahme in den Abendstunden infrage.
Neben Arzneimitteln wie abends eingenommene Diuretika können auch Herz- und Nierenerkrankungen sowie das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom die nächtliche Urinproduktion erhöhen. Der bei den Atemaussetzern auftretende Sauerstoffmangel führt zu einer Vasokonstriktion der Lungengefäße und steigert den Druck im rechten Vorhof. In der Folge schüttet der Körper vermehrt atriales natriuretisches Peptid (ANP) aus, wodurch nachts mehr Urin produziert wird (11, 13, 21).

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Enuresis nocturna (Enuresis, Bettnässen):
wiederholter nächtlicher Harnverlust bei Kindern
Harninkontinenz (Mictio involuntaria):
unwillkürlicher Harnabgang zwischen den Toilettengängen
Pollakisurie:
häufiges willkürliches Ablassen kleiner Harnmengen bei insgesamt normaler täglicher Urinmenge
Polyurie:
massiv gesteigerte Harnausscheidung von mehr als 2,5 Litern pro Tag
Überaktive Blase (Overactive bladder, OAB):
gesteigerter Harndrang, der häufig in Kombination mit einer erhöhten Miktionsfrequenz und Nykturie auftritt