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Auslieferung gestartet

Apotheken können jetzt Cannabis aus deutschem Anbau kaufen

Nachdem sich der Zeitplan für die erste heimische Cannabis-Ernte immer wieder verschoben hatte, ist es nun so weit: Die Apotheken können ab jetzt Medizinalhanf aus Deutschland für 4,30 pro Gramm bestellen.
Jennifer Evans
07.07.2021  15:15 Uhr

Aus Neumünster stammen die ersten Cannabis-Lieferungen, die ab heute in den Apotheken landen. Die Plantage in Norddeutschland gehört der deutschen Tochter der kanadischen Firma Aphria. Der Cannabisanbau wird hierzulande vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gesteuert und überwacht. Dort existiert seit dem Jahr 2017 eine eigens dafür eingerichtete Cannabisagentur. Logistik- und Vertrieb rund um die Cannabisblüten hat das Bundesinstitut allerdings in die Hände des Start-ups Cansativa gelegt. Aufgabe des Start-ups ist es also auch, die gut 2000 deutschen Apotheken zu beliefern, die sich auf medizinisches Cannabis spezialisiert haben.

Zur Versorgung ihrer Patienten können die Apotheken nun ab sofort über das Portal der Cannabisagentur den Medizinalhanf in pharmazeutischer Arzneimittelqualität erwerben. Kostenpunkt: 4,30 Euro pro Gramm. Wie das BfArM mitteilte, deckt dieser Preis lediglich die anfallenden Personal- und Sachkosten. Da sich der Abgabepreis bislang zwischen 8 und 9 Euro pro Gramm bewegt hat, geht Dominik Ziegra vom Informationsdienstleiter Insight Health davon aus, dass der günstige Medizinalhanf aus deutschem Anbau »einen gewissen Druck auf den Markt nach sich ziehen wird«, wie er gegenüber der PZ sagte. »Andere Lieferanten dürften reagieren und ihre Preise ebenfalls senken.« 

Noch zwei weitere Firmen haben zwar die Erlaubnis, hierzulande Cannabis zu medizinischen Zwecken anzubauen. Doch bei ihnen verzögert sich die Lieferung offenbar. Gründe dafür will das BfArM auf Nachfrage der PZ nicht nennen, wertet die Verzögerung aber nicht als ein Missachten der vertraglichen Vereinbarungen. Es geht dabei um die deutsche Tochter von Aurora – ebenfalls aus Kanada – sowie um das Berliner Start-up Demecan.

Import wird es weiterhin geben

Seitdem Patienten mit schweren Erkrankungen sich Cannabisarzneimittel auf Kosten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verschreiben lassen können, ist die Nachfrage hierzulande extrem gestiegen. Allein im Jahr 2020 schlugen Cannabispräparte bei den Kassen mit rund 175 Millionen Euro zu Buche, wie Insight Health der PZ bestätigte. Die Anzahl der Patienten, die mit den Blüten oder Extrakten der Pflanze behandelt werden, ist demnach in den vergangenen vier Jahren von 1000 auf 90.000 angestiegen.

Schon jetzt steht also fest, dass der jährliche Bedarf an Medizinalhanf in Deutschland größer sein wird als die ausgeschriebene Menge von 2,6 Tonnen pro Jahr decken kann. Die Verträge mit den Anbietern sehen zwar vor, dass die Produktionsmenge um 150 Prozent erhöht werden darf. Doch auch das wird nicht ausreichen. Der jährliche Bedarf für Deutschland soll nämlich bei insgesamt 28 Tonnen liegen. Diese Zahl ist im Rahmen einer Kleinen Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag gefallen. Daher wird auch weiterhin auf Importe gesetzt – meist aus Kanada. Das bedeutet auch, dass Apotheken ihre Blüten weiterhin über Importe beziehen könnten. Anders als in Deutschland steuert das BfArM die Cannabis-Einkäufe aus dem Ausland hinsichtlich ihrer Menge allerdings nicht. Ziel des Anbaus in Deutschland sei es, zusätzlich zur Versorgung beizutragen, so das BfArM. Geht es jedoch nach der FDP, sollte Deutschland seine Produktionsmengen unbedingt steigern, um die Abhängigkeit von Importen zu minimieren.

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