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USA

Antikörper-Kombi erhält Notfallzulassung

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat eine weitere Notfallzulassung bei Covid-19 ausgesprochen, dieses Mal für die Antikörper-Kombination Casirivimab und Imdevimab von Regeneron. Mit diesem Präparat war zuvor bereits Präsident Donald Trump behandelt worden.
Annette Rößler
23.11.2020  12:30 Uhr

Casirivimab und Imdevimab sind zwei Antikörper, die nicht kompetitiv an die Rezeptorbindungsdomäne des Spike-Proteins von SARS-CoV-2 binden. Das Virus wird so daran gehindert, an Zellen anzudocken und in sie einzudringen. Hersteller Regeneron weist in einer Mitteilung darauf hin, dass durch die Kombination aus zwei Antikörpern die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass die Therapie durch sogenannte Escape-Mutationen, die die Konformation des Ziel-Proteins geringfügig verändern, unwirksam wird. Dies ist möglicherweise als Seitenhieb auf den Konkurrenten Bamlanivimab zu verstehen, ein ebenfalls gegen das Spike-Protein von SARS-CoV-2 gerichteter Antikörper, für den Eli Lilly bereits am 9. November eine Notfallzulassung (Emergency Use Authorization, EUA) der FDA erhalten hatte. Denn Bamlanivimab ist ein Monopräparat.

Die FDA erteilte der Kombination aus Casirivimab und Imdevimab am Samstag eine EUA. Sie darf somit Erwachsenen und Jugendlichen ab 14 Jahren mit einem Körpergewicht von mindestens 40 kg verabreicht werden, die leicht bis mittelschwer an Covid-19 erkrankt sind und bei denen ein hohes Risiko besteht, dass sich ihr Zustand verschlechtert. Entsprechende Risikofaktoren sind Alter ab 65 Jahren oder chronische Erkrankungen.

Der Antikörper-Cocktail von Regeneron hatte – damals noch unter dem Namen REGN-COV2 – gewisse Berühmtheit erlangt, weil auch US-Präsident Donald Trump, als er an Covid-19 erkrankt war, unter anderem damit behandelt worden war. Die EUA basiert nun auf einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie mit 799 nicht hospitalisierten Erwachsenen mit leichten bis mittelschweren Covid-19-Symptomen. Innerhalb von drei Tagen nach dem positiven SARS-CoV-2-Nachweis erhielten 266 von ihnen per intravenöser Infusion eine Einmaldosis mit jeweils 1200 mg Casirivimab und Imdevimab, 267 jeweils 4000 mg von jedem der beiden Antikörper und 266 eine Placebo-Infusion.

Im primären Endpunkt, der Abnahme der Viruslast über die Zeit, war die Antikörper-Kombination Placebo überlegen. Als wichtigeren Beleg für die Wirksamkeit wertet die FDA aber einen sekundären Endpunkt: Patienten mit einem hohen Risiko für eine Verschlechterung der Covid-19-Symptomatik waren innerhalb von 28 Tagen nach Verabreichung der Studienmedikation seltener gezwungen, einen Arzt, ein Krankenhaus oder eine Notaufnahme aufzusuchen, wenn sie Verum erhalten hatten. In den beiden Antikörper-behandelten Gruppen traf dies auf 3 Prozent der Patienten zu, in der Placebogruppe auf 9 Prozent. Die beiden Antikörper-Dosen waren dabei ähnlich effektiv.

Dritte EUA in zwei Wochen

Die EUA für Casirivimab/Imdevimab ist bereits die dritte, die die FDA innerhalb von zwei Wochen erteilt. Nach Bamlanivimab erhielt der Januskinase-Hemmer Baricitinib (Olumiant®) am 19. November eine entsprechende Genehmigung. Eine EUA erlaubt den Einsatz in bestimmten Patientengruppen, obwohl die vorhandenen Daten für eine Vollzulassung noch nicht ausreichen. So sollen Arzneistoffe, bei denen die begründete Hoffnung auf eine Wirksamkeit besteht, in der Pandemie möglichst schnell zugänglich gemacht werden. Während der SARS-CoV-2-Pandemie hatte die FDA zuvor bereits Notfallzulassungen für Hydroxychloroquin und Remdesivir erteilt. Erstere nahm die Behörde später wieder zurück, Letztere mündete in eine Vollzulassung.

Wie nicht zuletzt das Beispiel Hydroxychloroquin zeigt, ist eine EUA ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es begrüßenswert, wenn Arzneistoffe in Notlagen wie dieser schnell zugänglich gemacht werden. Andererseits ist das Wissen über ihre Vor- und Nachteile in den einzelnen Patientengruppen und Krankheitsphasen noch so rudimentär, dass Ärzte große Schwierigkeiten haben, zu entscheiden, welcher Patient das jeweilige Präparat erhalten soll – wenn es denn überhaupt verfügbar ist.

Beim Hydroxychloroquin kam erschwerend hinzu, dass die EUA aus Sicht vieler Experten eher politisch als medizinisch motiviert war. Doch auch wenn dieser Verdacht nicht besteht, kann eine EUA Probleme schaffen, wie ein Bericht auf der Nachrichtenseite »STAT« zeigt. Demnach stellt sich für Ärzte in den USA nun die Frage, wie sie Bamlanivimab bestimmungsgemäß anwenden sollen, denn der Antikörper darf laut EUA ausdrücklich nur im Anfangsstadium von Covid-19 eingesetzt werden, also bei Patienten, die derzeit nach Möglichkeit ambulant betreut werden.

In den Kliniken fehlt zudem Platz und Personal für die Verabreichung des Präparats, da sie mit der Betreuung schwerkranker Covid-19-Patienten ohnehin schon stark ausgelastet sind. Diese Probleme werden sich durch die beiden neuen therapeutischen Optionen Baricitinib und Casirivimab/Imdevimab, die seitdem hinzugekommen sind, eher verschärfen als entspannen: Mit Casirivimab/Imdevimab steht ein weiteres Antikörper-Präparat zur Verfügung, das früh im Krankheitsverlauf gegeben werden muss. Und Baricitinib darf nur zusammen mit Remdesivir verabreicht werden – dessen Einsatz die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerade infrage gestellt hat.

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