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WHO-Leitlinie

Remdesivir soll nicht eingesetzt werden

Im neuesten Update einer Leitlinie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird das antivirale Medikament Remdesivir nicht mehr für Patienten empfohlen, die mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, unabhängig davon, wie schwer sie erkrankt sind.
Daniela Hüttemann
Annette Rößler
20.11.2020  09:00 Uhr

Es gebe derzeit keine Hinweise darauf, dass Remdesivir das Überleben oder die Notwendigkeit einer Beatmung verbessere, schreibt die WHO Guideline Development Group (GDG) heute im Fachjournal »British Medical Journal«. Die neue Empfehlung basiert auf schwacher oder bedingter Evidenz und ist Teil einer sogenannten lebendigen Leitlinie, die die WHO ständig weiterentwickelt. Grundlage ist ein neuer Review, in dem die Wirksamkeit verschiedener Pharmakotherapien bei Covid-19 systematisch untersucht wurden. Eingeflossen sind Daten aus internationalen randomisierten Studien mit mehr als 7000 Patienten, die aufgrund von Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden mussten.

Das Expertenkomittee kommt zu dem Schluss, dass Remdesivir keinen bedeutenden Effekt auf die Mortalität oder andere Parameter habe, zum Beispiel die Notwendigkeit einer mechanischen Beatmung oder die Zeit bis zur Verbesserung der klinischen Symptome. Zwar räumen die Experten ein, dass die Evidenz insgesamt niedrig sei, dennoch hätten bislang keine Verbesserungen für Patienten festgestellt können. In Anbetracht möglicher schädlicher Wirkungen sowie der hohen Kosten und Ressourcen durch die intravenöse Applikation empfehlen sie nun, Remdesivir nicht mehr bei hospitalisierten Covid-19-Patienten einzusetzen, egal, wie schwer diese erkrankt sind. Das würde faktisch das Aus für Remdesivir bedeuten, denn aufgrund der Applikationsweise und des notwendigen Monitorings kommt eine Gabe im ambulanten Bereich nicht infrage.

Allerdings reiche die vorliegende Evidenz auch nicht aus um zu behaupten, Remdesivir sei überhaupt nicht wirksam, so die GDG. Sie spricht sich daher dafür aus, weitere Studiendaten zu erheben, um zu einer besseren Evidenz zu kommen, sei es in die eine oder die andere Richtung. Damit bleibt vorerst Dexamethason das einzige Medikament, dass bewiesenermaßen die Sterblichkeit bei einer schweren Covid-19-Erkrankung senken kann. Die Leitlinie sieht eine hohe Evidenz für den Einsatz systemischer Corticosteroide bei schwerem Covid-19 und eine schwache oder bedingte Evidenz bei weniger schweren Erkrankungen.

Der Zulassungsstatus von Remdesivir (Veklury®) bleibt von der WHO-Leitlinie unberührt. Erst vor Kurzem hatten verschiedene deutsche medizinische Fachgesellschaften neu definiert, wer oder besser gesagt wer nicht mit Remdesivir behandelt werden sollte. Demnach wird ein Einsatz insbesondere in der Frühphase der Erkrankung als sinnvoll erachtet. Bedingt zugelassen ist das Präparat in der EU für alle Covid-19-Patienten ab zwölf Jahren und mindestens 40 Kilogramm Körpergewicht, die eine Lungenentzündung entwickelt haben und auf eine externe Sauerstoffzufuhr angewiesen sind.

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