| Kerstin A. Gräfe |
| 03.06.2026 15:00 Uhr |
Arzneimittel mit einem großen Glas Wasser einzunehmen ist immer eine gute, bei manchen Arzneiformen sogar eine besonders gute Idee. Diese können dann nämlich im Magen eine Abkürzung nehmen. / © Getty Images/Kate Wiese
Eins vorneweg: »Der Magen ist kein Resorptionsorgan«, betonte der Technologe von der Universität Greifswald – und ergänzte direkt eine Ausnahme: Das seit vergangenem Jahr verfügbare orale Semaglutid-haltige Präparat Rybelsus® werde Herstellerangaben zufolge im Magen resorbiert. Möglich macht dies der zugesetzte »extrem basische« Hilfsstoff SNAC, der Novo Nordisk zufolge eine Art Läsion der Magenschleimhaut bewirken soll, über die Semaglutid dann resorbiert wird. »Ich glaube nicht daran«, sagte allerdings Weitschies.
Die Anatomie des Magen sei hoch variabel. Die zur Darstellung oft verwendete Sichelform liege überwiegend bei Männern vor. Frauen hätten eher eine hakenartige oder gespiegelte L-Form. Zudem gebe es zylindrische und sackartige Formen. Die gute Nachricht: Bis auf Letztere spiele die Form für die Physiologie und Pharmakokinetik von Arzneistoffen keine Rolle.
Wenn man feste Arzneiformen durch den Magen bekommen möchte, muss man grundsätzlich zwei Zustände des Organs berücksichtigen: den postprandialen, digestiven Zustand direkt nach der Nahrungsaufnahme und den nüchternen, interdigestiven Zustand.
Letzterer ist durch drei Phasen gekennzeichnet, die sich etwa alle 90 bis 120 Minuten wiederholen. Entscheidend für den Arzneistofftransport ist primär die dritte Phase, in der mit starken Kontraktionen (»Putzwellen«) unverdauliche größere Partikel aus dem Magen entleert werden. »Alles, was größer als 2 mm ist wie magensaftresistente Tabletten und viele retardierte Arzneiformen, kann nur während dieser Phase des Nüchtern-Motilitätszyklus entleert werden«, betonte Weitschies. Die Geschwindigkeit des Anflutens im Plasma werde somit in den meisten Fällen durch die Geschwindigkeit der Magenentleerung bestimmt.
Auch der Kontakt mit Nahrung könne das Ausmaß der Arzneistoffresorption erhöhen oder erniedrigen (positiver oder negativer Food-Effekt). »Wir wissen aber noch zu wenig über die Realzustände der Arzneistoffresorption«, konstatierte der Referent. Die in Studien erhobenen Daten seien fern jeglicher Realität. So bestehe zum Beispiel ein standardisiertes »FDA-Frühstück« aus Toast, Eiern und Speck und habe etwa 1000 Kilokalorien.
Aber auch eine Nüchtern-Einnahme sei nicht ohne Weiteres reproduzierbar. So zeigten Studien ein sehr variables Volumen an Magensaft. Das hänge unter anderem davon ab, in welcher Phase des Motilitätszyklus sich der Magen befindet. »Daher müssen Sie morgens immer die Menge Wasser trinken, die Sie zum Auflösen Ihrer Arzneiform brauchen – am besten immer ein ganzes Glas«.
Professor Dr. Werner Weitschies / © PZ/Alois Müller
Ausreichend Flüssigkeit sei sehr wichtig für eine gleichbleibende Arzneistoffresorption. Das gelte auch, wenn vorher etwas gegessen wurde. »Dann nimmt das Wasser nämlich die Magenstraße«, so der Technologe. Dabei handelt es sich um eine Ansammlung von Schleimhautfalten im Bereich der kleinen Magenkrümmung, die vom Mageneingang bis zum Ausgang (Pylorus) führt. Über »diesen Kanal« kann das Wasser am Nahrungsbrei vorbeifließen und so den Magen schnell passieren. »Das funktioniert auch mit kalorischen Flüssigkeiten«, berichtete der Referent. Inzwischen wisse man, dass sich die Magenstraße auch im Darm fortsetzt.
Was bedeutet die Magenstraße für das Anfluten von Arzneistoffen? Formulierungen, die sich sehr schnell auflösen oder zerfallen, werden trotz vollen Magens schnell mit dem Wasser entleert (primäre Magenstraße). Arzneistoffe mit langsamer Auflösung/Zerfall werden nicht oder nur wenig mit dem Mageninhalt vermischt und mit später getrunkenem Wasser schnell entleert (verzögerte Magenstraße). Arzneiformen, die sich mit der Nahrung vermischen, werden kontinuierlich entleert.
Prinzipiell sollte eine Dauermedikation daher möglichst immer unter gleichen Bedingungen eingenommen werden, um schwankende Wirkspiegel zu vermeiden. Und bei Kopfschmerzen, die direkt nach dem Essen auftreten, empfehle sich demnach eine Brausetablette, so Weitschies abschließend.