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EMA

Zulassungsempfehlung für Zolgensma und weitere neue Medikamente

Das Gentherapeutikum Zolgensma™, das Krebsmedikament Sarclisa® und das MS-Mittel Zeposia® sind nur drei der heutigen Zulassungsempfehlungen der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA).
Brigitte M. Gensthaler
Daniela Hüttemann
27.03.2020  17:14 Uhr

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA hat eine fleißige Woche hinter sich: Es gab Zulassungsempfehlungen für mehrere neue Medikamente, davon vier mit neuem Wirkstoff. Am prominentesten dürfte das Gentherapeutikum Zolgensma von Novartis sein, dass in der EU von der Novartis-Tochter Avexis vertrieben wird. Bekannt ist es vor allem dadurch geworden, dass die einmalige Therapie mit Onasemnogen Abeparvovec, so der wissenschaftliche Name, zwei Millionen US-Dollar kosten soll und Novartis das Medikamentzum Teil verlosen will.

Indiziert ist die Gentherapie bei Babys und jungen Kindern mit spinaler Muskelatrophie (SMA). Die seltene Erkrankung führt zu einer Muskelschwäche und progressivem Bewegungsverlust bis zum Tod. Die betroffenen Kinder sterben in der Regel unbehandelt in den ersten Lebensjahren. Der Gendefekt lässt sich mit Onasemnogen Abeparvovec nach bisherigem Kenntnisstand tatsächlich heilen. Dafür reicht ein einziger Behandlungszyklus. Der Wirkstoff besteht aus Kapsiden des unbehüllten Adeno-assoziierten Virus vom Serotyp 9 (AAV9), in dessen Genom eine Kopie des SMN1-Gens integriert wurde. Das Virus ist nicht replikationsfähig, aber es ist in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren. In den Nervenzellen kann nun das defekte Gen ersetzt werden, allerdings wird die eingeschleuste DNA nicht in die Wirtszell-DNA integriert, sondern liegt im Zellkern als stabiles Episom vor.

In diesem Fall sprach das Kommitee für fortgeschrittene Therapien (CAT) eine bedingte Zulassungsempfehlung aus. Da in der Indikation ein bislang unerfüllter medizinischer Bedarf besteht, wurde die Begutachtung in einem beschleunigten Zulassungsverfahren auf kleinerer Datenbasis als sonst üblich durchgeführt. Der Hersteller muss dementsprechend Post-Marketing-Sicherheitsberichte nachliefern. Mit der offiziellen Markteinführung will Novartis auch EU-weit ein Zugangsprogramm mit flexiblen Optionen für die Kostenträger bieten.

Zeitgleich verkündete heute das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), dass es die Aufnahme einer Testung auf SMA in das Neugeborenen-Screening für sinnvoll hält.

Ozanimod für MS-Patienten

Eine positive Empfehlung vom CHMP erhielt auch das Medikament Zeposia® mit dem Wirkstoff Ozanimod (Celgene). Es kann eingesetzt werden bei Patienten mit schubförmiger (rezidivierend-remittierender) Multipler Sklerose (RRMS) mit aktiver Erkrankung, nachgewiesen durch klinische Parameter oder bildgebende Verfahren. Zeposia wird als Kapsel mit 0,23 und 0,46 mg Wirkstoff für die Dosiseskalation sowie als 0,92-mg-Kapsel für die Erhaltungstherapie zur Verfügung stehen.

Ozanimod ist ein Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulator, der selektiv an die S1P-Rezeptoren vom Subtyp 1 und 5 bindet. Wie der erste zugelassene S1P-Rezeptormodulator Fingolimod verhindert auch Ozanimod den Übertritt von Lymphozyten aus den Lymphknoten ins Blut und zentrale Nervensystem und wirkt so selektiv immunsuppressiv. Damit bremst der Wirkstoff die Entzündungsaktivität bei Patienten mit aktiver RRMS. In zwei Phase-III-Studien mit mehr als 2600 Patienten mit schubförmiger MS war Ozanimod signifikant wirksamer als Interferon-β.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Nasopharyngitis und Lymphopenie (entsprechen dem Wirkmechanismus); weniger häufig waren Hypertonie und erhöhte Leberenzymwerte.

Isatuximab bei Multiplem Myelom

Grünes Licht gab der CHMP auch für den monoklonalen Antikörper Isatuximab (Sarclisa® von Sanofi). Indiziert ist es zur Therapie von Patienten mit wiederkehrendem und refraktärem Multiplem Myelom. In der Zulassungsstudie ICARIA-MM reduzierte der Antikörper in Kombination mit Pomalidomid und Dexamethason das Risiko für ein Fortschreiten der Krebserkrankung oder Tod um 40 Prozent gegenüber der alleinigen Pom-Dex-Therapie. Isatuximab richtet sich gegen den auf Myelomzellen vorkommenden CD38-Rezeptor und induziert eine Zytolyse der Krebszellen.

Pretomanid bei hochresistenter Tuberkulose

Eine Neuerung gibt es auch für Patienten mit schwer zu behandelnder Tuberkulose (Tb). Der CHMP gab eine Zulassungsempfehlung für das Präparat Pretomanid FGK der FGK Representative Service GmbH ab. Wirkstoff ist Pretomanid (200 mg pro Tablette). Indiziert ist das Medikament in Kombination mit Bedaquilin und Linezolid für erwachsene Patienten mit extrem resistenter (Extensively Drug Resistant, XDR) Tb oder mit multiresistenter (MDR) Tb, die auf die sonstige Behandlung nicht ansprechen oder diese nicht vertragen.

Pretomanid ist ein Nitroimidazol-Prodrug und wird in vivo mithilfe des Coenzyms F420 des Tuberkulose-Erregers Mycobacterium tuberculosis aktiviert. Der Wirkstoff hemmt sowohl die Synthese von Zellwandlipiden als auch die Zellatmung durch Freisetzung von reaktiven Stickstoffspezies. Eine sechsmonatige Kombibehandlung war erfolgreich bei Patienten mit schwer zu behandelnder TB. Die häufigsten Nebenwirkungen waren unter anderem periphere Neuropathie, gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen), Anämie, Kopfschmerzen, erhöhte Leberwerte und Schmerzen.

Pretomanid wurde als Orphan Drug entwickelt. Die EMA will nun die vorliegenden Daten prüfen, ob der Orphan-Drug-Status aufrecht erhalten bleibt. Pretomanid ist in den USA bereits zugelassen.

Weiterer Influenza-Impfstoff für Senioren

Der CHMP sprach zudem eine Empfehlung für den saisonalen Grippeimpfstoff Fluad® Tetra aus. Indiziert ist die Vakzine für Personen ab dem Alter von 65 Jahren. Zulassungsinhaber ist Seqirus, einer der größten Influenza-Impfstoffhersteller der Welt. Während der bereits verfügbare Fluad-Impfstoff Antigene gegen drei Influenza-Subtypen enthält, sind es, wie der Name schon sagt, bei Fluad Tetra vier. Außerdem enthält die Vakzine das Adjuvanz MF59C.1 (MF59), um eine bessere Immunantwort bei älteren Personen auszulösen.

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