Die Kehrseite sind laut Stemper Selbsteinengung und Pathologisierung: Wenn Introversion etwa als Defizit gilt oder Menschen sich und andere auf Typen festlegen, statt Spielräume für Lebendigkeit und Veränderung zuzulassen.
Der Psychotherapeut warnt nicht zuletzt vor selbsterfüllenden Prophezeiungen – nach dem Motto: »Ich bin introvertiert, deshalb mache ich keine Präsentationen.« So besteht die Gefahr, dass Menschen ihre Entwicklungschancen nicht nutzen. Je mehr eine Person unangenehme Situationen vermeidet, desto weniger verändert sie sich.
Wer seine Persönlichkeit verändern möchte, sollte realistische Erwartungen mitbringen. Denn wie stark Extraversion oder Introversion ausgeprägt sind, ist zu einem großen Teil genetisch bedingt. »Die Ähnlichkeit zu unseren Eltern in diesen Dimensionen ist nahezu komplett genetisch bedingt, auch wenn wir das nicht unbedingt wahrhaben wollen«, sagt Spinath.
Hinzu kommen andere Faktoren. »Mit der Zeit entsteht eine Mischung aus biologischen, individuellen und Umweltfaktoren, die auf Stabilität hinwirkt«, sagt der Professor. All das macht eine grundlegende Persönlichkeitsänderung schwierig – unmöglich ist sie aber nicht.
Moderate, messbare Veränderungen sind möglich. Aber: »Das klappt nicht über Nacht oder nach einem Seminar«, sagt der Psychologe. Wer etwa introvertierter ist und geselliger werden möchte, kann gezielt Interventionstechniken nach klinischen Methoden einüben, immer wieder Grenzen überschreiten und – ähnlich wie in der Verhaltenstherapie – neue Bewertungsschemata entwickeln. »Man muss die Veränderung wirklich wollen und sich am besten professionell begleiten lassen«, so Spinath.