Zuletzt tauchte auch der Begriff »otrovert« vermehrt auf, geprägt durch ein Buch des Psychiaters Rami Kaminski. Er soll Menschen beschreiben, die sich keiner der beiden klassischen Kategorien zuordnen lassen. Otroversion meint demzufolge Menschen, die sich in Gruppen innerlich nicht zugehörig fühlen. Sie sollen kreativ und sozial kompetent sein, gesellig, erleben sich aber als unabhängige Beobachter statt als Teil eines Wir.
Damit unterscheidet sich das Konzept dem Anspruch nach von der Ambiversion – das ist der bereits bestehende Begriff für Menschen, die in der Mitte der Extraversions-Skala liegen – durch den besonderen Fokus auf das Erleben von Nicht-Zugehörigkeit.
»Es geht um das Gefühl, anders zu sein, nicht dazuzugehören, das aber zu feiern«, sagt Spinath. Normalerweise erlebten Menschen, die sich nicht zugehörig fühlen, das nicht als positiv. Wissenschaftlich belegt sind die Beobachtungen von Kaminski bislang nicht.
Stemper weist drauf hin, dass Otroversion kein in der empirischen Persönlichkeitsforschung etablierter Fachbegriff, sondern ein »populäres Label« sei.
Aber ist es überhaupt hilfreich, sich selbst und andere anhand von Persönlichkeitstypen einzuschätzen? »Das ist im Alltag kein hilfreicher Deutungsrahmen«, sagt Stemper mit Blick auf die Beurteilung anderer Menschen. »Merkmale dürfen nie zur ganzen Geschichte werden.«
Zu wissen, dass jemand extravertiert ist, erkläre im Alltag nichts. »Wer viel redet, ist kein Typ, sondern will Gehör finden und etwas mitteilen, vielleicht auch ablenken«, sagt Stemper. Die Gefahr von Typenbrillen bestehe darin, dass sie Menschen auf Etiketten reduzieren und soziale, kulturelle und biografische Faktoren ausblenden.
Spinath hingegen sagt, dass es hilfreich sein kann, Persönlichkeitsmerkmale zu kennen: Etwa, wenn es darum geht, Verhalten zu verstehen. Zu wissen, wie man selbst tickt und was die eigene Persönlichkeit prägt, kann außerdem dazu beitragen, Verständnis für sich selbst zu entwickeln. So lassen sich Arbeit, Erholung und Beziehungen gezielter gestalten.