| Sven Siebenand |
| 21.05.2026 18:00 Uhr |
Nach einer Mahlzeit produzieren Pythons große Mengen an para-Tyramin-O-Sulfat – und haben danach sehr lange keinen Appetit mehr. / © GettyImages/yhelfman
Pythons gehören zu den extremsten »Stoffwechselathleten« der Natur. Nach einer einzigen riesigen Mahlzeit können die Tiere monatelang fasten, ohne gesundheitliche Schäden davonzutragen. Während der Verdauung arbeitet ihr Organismus auf Hochtouren: Das Herz wächst kurzfristig um etwa ein Viertel, zahlreiche Organe vergrößern sich massiv und der Stoffwechsel steigt um das bis zu 4000-Fache an.
Seit Jahren versuchen Forschende zu verstehen, wie die Schlangen ihre Fress- und Fastenzyklen regulieren. Dabei stießen Teams der University of Colorado Boulder, der Stanford University und der Baylor University in den USA auf einen Metaboliten namens para-Tyramin-O-Sulfat (pTOS). Nach einer Mahlzeit steigt dessen Konzentration im Blut von Pythons um mehr als das 1000-Fache an. Die University of Colorado Boulder informiert darüber in einer Pressemitteilung und nimmt Bezug auf die Originalpublikation im Fachjournal »Nature Metabolism«.
Produziert wird pTOS bei den Schlangen offenbar durch Darmbakterien beim Abbau der Aminosäure Tyrosin. In Mausmodellen zeigte die Verbindung vielversprechende Effekte: Adipöse Tiere fraßen weniger und verloren innerhalb von vier Wochen rund 9 Prozent ihres Körpergewichts. Gleichzeitig beobachteten die Forschenden weder Muskelabbau noch die gastrointestinalen Nebenwirkungen, die unter GLP-1-Rezeptoragonisten häufig auftreten.
Eine wichtige Wirkkomponente der Inkretinmimetika ist die Verzögerung der Magenentleerung. Dagegen scheint pTOS direkt auf den Hypothalamus einzuwirken, also jenes Hirnareal, das Hunger und Sättigung reguliert. Genau darin sehen die Forschenden das Potenzial von pTOS für eine besser verträgliche Therapie.
Besonders spannend: Das Molekül kommt auch beim Menschen natürlicherweise vor – allerdings in deutlich geringeren Mengen. Daraus leiten die Forschenden aber ab, dass eine Therapie mit pTOS auch sicher und verträglich sein dürfte.
Wichtig zu betonen ist, dass die Forschung um die Schlankformel der Würgeschlange noch am Anfang steht, sie könnte aber neue Wege eröffnen. Die Wissenschaftler haben inzwischen ein Start-up gegründet, um die Entdeckungen weiterzuentwickeln. Neben Adipositas fokussieren sie sich dabei auf mögliche Anwendungen gegen Sarkopenie und krankheitsbedingten Muskelabbau – schließlich verlieren Pythons trotz monatelanger Fastenphasen kaum Muskelmasse.
Die Python-Story erinnert übrigens an den Ursprung heutiger inkretinbasierter Therapien: Auch Semaglutid und Co. gehen letztlich auf ein Reptil zurück. Im Speichel der Gila-Krustenechse fand man Exendin-4, was im Körper wie GLP-1 wirkt. Ihr synthetisches Äquivalent ist Exenatid, das erste Inkretinmimetikum, das auf dem Markt kam. Vielleicht wiederholt sich die Geschichte und ein weiteres außergewöhnliches Tier weist den Weg zu einer neuen Generation metabolischer Therapien.