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Impfen in der Apotheke

Wie machen es andere Länder?

In den USA impfen Apotheker seit mehr als 20 Jahren, in Frankreich darf ab Oktober in allen Apotheken gegen Grippe geimpft werden. Wie etabliert man diese Leistung im eigenen Land – und weitet sie auf andere Impfungen aus? Darüber wurde beim Weltapothekerkongress in Abu Dhabi diskutiert.
Daniela Hüttemann
23.09.2019
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»In den 1990er-Jahren waren die Impfraten in den USA viel zu niedrig, die Regierung musste etwas tun«, erklärte Mitchel C. Rothholz, Chefstratege der größten amerikanischen Apothekerorganisation APhA bei einer Diskussionsrunde über die erfolgreiche Implementierung von Impfservices in Apotheken beim FIP-Kongress, der vom 21. bis 25. September in Abu Dhabi stattfindet. Seit 1996 können Apotheker in 14 Bundesstaaten gegen Grippe impfen, mittlerweile dürfen sie es im ganzen Land. 340.000 Apotheker sind inzwischen entsprechend ausgebildet. Da die pharmazeutische Praxis nicht auf Bundesebene geregelt ist, mussten die Apothekerverbände in allen Bundesstaaten einzeln, also 50-mal, Überzeugungsarbeit leisten.

Mittlerweile gilt das Impfen in der Apotheke als Erfolgsgeschichte. Je nach Bundesstaat darf eine Reihe von Impfungen von Apothekern durchgeführt werden, sogar bei Kindern. »Es gibt für alle impfpräventablen Erkrankungen Zielwerte für definierte Risikogruppen«, erläuterte Rothholz. »Während in der Grippesaison 2004/2005 nur 6 Prozent der Influenza-Impfungen in Apotheken stattfanden, waren es 2016/2017 bereits 25 Prozent«, so der Verbandsvertreter. Das Ziel einer Durchimpfungsrate von 70 Prozent für die über 65-Jährigen wurde zuletzt fast erreicht. Das wäre ohne die Apotheken nicht machbar gewesen.

Anfangs hätten viele Pharmazeuten Bedenken gehabt, selbst Spritzen zu verabreichen, erinnert sich Michael Hogue, einer der ersten Apotheker in den USA, der geimpft hat. Mittlerweile meinten 80 Prozent der angestellten Apotheker, dass sie impfen können und sollten, und sie wollen es auch. Doch oft fehle es an Zeit beziehungsweise Personal. »Es muss ausreichend honoriert werden«, so der frühere Apothekeninhaber, der mittlerweile als führender Experte zum Thema Impfen gilt und Professor für pharmazeutische Praxis an der Loma Linda Universität in Kalifornien ist.

Fünf Minuten pro Impfung

Es kann sich lohnen: So wird laut Hogue das Impfen besser vergütet als die Abgabe oraler Arzneiformen. Evaluation und Aufklärung des Patienten sowie die eigentliche Impfung dauerten im Schnitt fünf Minuten, ergab eine bundesweite Umfrage. Ab 150 Impfungen pro Woche lohne sich eine Vollzeitstelle, hat Hogue kalkuliert. Die Apotheke erziele mit der Abgabe des Impfstoffs einen kleinen Gewinn, hinzukommen 15 bis 25 US-Dollar Gebühr für die Durchführung – Kosten, die je nach Versicherungsstatus direkt mit dem Patienten oder seiner Versicherung abgerechnet werden. Die Ärzte erhielten in etwa das gleiche Honorar.

»Anfangs hatten die Ärzte Angst, wir würden ihnen das Geschäft streitig machen«, erinnert sich Hogue. »Das stimmte aber gar nicht: Wir haben keine Patienten abgeworben, sondern bislang ungeimpfte Personen als Kunden gewonnen und dadurch die Impfraten erhöht.« Denn auch die Anzahl der von Ärzten verabreichten Vakzinen erhöhte sich, da das Bewusstsein für den Nutzen der Schutzimpfung durch die Apothekenkampagnen stieg.

Frankreich kurz vor dem Start

Ähnliche Erfahrungen hat Olivier Rozaire, Apotheker aus dem französischen Saint-Bonnet Le Château gemacht. Eine Kollegin habe auf dem FIP-Kongress 2015 den Impuls erhalten, die Grippeimpfung in Apotheken in Frankreich einzuführen und die Regierung von einem Pilotversuch in einigen Regionen Frankreichs überzeugt. »Es war nicht einfach, auch weil viele Ärzte in der Regierung sind«, so Rozaire, der Präsident des Apothekerverbands der Region Auvergne Rhône-Alpes ist und an der Konzeption beteiligt war. Die Ergebnisse bereits der ersten Impfsaison 2017/2018 seien jedoch so überzeugend gewesen, dass das Gesundheitsministerium 2018 entschied, dass ab diesem Oktober alle entsprechend geschulten Apotheker in Frankreich impfen dürfen.

Denn in den Pilotregionen konnte die Impfrate in der Zielgruppe um 10 Prozent gesteigert werden. »In meiner Region hatten wir mit 30.000 Interessenten gerechnet, tatsächlich waren es mehr als 100.000«, so Rozaire. »Wir erhalten genauso viel Honorar wie die Ärzte für die Durchführung: 6 Euro. Mittlerweile haben die Ärzte gemerkt, dass wir dadurch nicht reich werden, aber ihre vollen Praxen während der Erkältungssaison entlasten. So können sie mehr kranke Patienten behandeln, wofür sie auch besser vergütet werden.«

Durch das Impfangebot in den Apotheken würden die Menschen auch auf andere pharmazeutische Dienstleistungen aufmerksam gemacht, ergänzte Sarah Turkistani, die das Impfprogramm von Nahdi Medical, einer der größten saudi-arabischen Apothekenketten, leitet. Dort darf erst seit 2018 gegen Grippe geimpft werden, aufgrund des großen Erfolgs ab dem nächsten Jahr aber auch gegen Meningitis, mit der sich häufig die Teilnehmer großer Pilgerreisen wie der Hadj anstecken. »Wir wollen lieber als Gesundheitsdienstleister statt als Abgabestation gesehen werden und mehr Prävention anbieten«, so die Apothekerin.

Impfungen schrittweise etablieren

Was raten die erfahrenen Apotheker, wie sich ein Impfprogramm in anderen Ländern etablieren lässt? »Bilden Sie jetzt schon die Pharmaziestudenten entsprechend aus«, meint Hogue. »Dann sind Sie bereit, wenn es Ihre Regierung ist.« Auch in Frankreich durchlaufen seit rund vier Jahren alle Studenten ein entsprechendes Training, ergänzte Rozaire, also bevor klar war, dass die Apotheker wirklich impfen dürfen.

Rothholz empfiehlt, auf lokaler Ebene aktiv zu werden: »Sprechen Sie mit den Ärzten in Ihrer Umgebung, erklären Sie die Vorteile für beide Berufe und das Patientenwohl im persönlichen Gespräch.« Apotheker sollten Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Asthma direkt auf die Grippeimpfung aufmerksam machen, ergänzte Hogue. Die Apotheke besteche dabei durch den niedrig schwelligen Zugang, den engen Patientenkontakt und das Vertrauen, das viele Patienten haben. Die Apotheke sollte jederzeit Impfungen durchführen können, nicht nur an bestimmten Tagen oder Uhrzeiten. Dies sei ein echter Benefit gegenüber den Arztpraxen.

Grundsätzlich sei die Grippeimpfung für den Start am besten geeignet, meint APhA-Chefstratege Rothholz. Erfolgreich etabliert, könnten weitere Schutzimpfungen folgen. Er empfiehlt die Reihenfolge Pneumokokken, den Booster Tetanus, Diphtherie, Pertussis für Erwachsene sowie Hepatitis-A-/B- und Reiseimpfungen. Anfangs könne man sich auf multimorbide Patienten und die über 65-Jährigen konzentrieren, dann auf alle Erwachsenen und schließlich auch Kinder ab zehn, dann ab sieben und ab drei Jahren impfen. Daran arbeite man in vielen Staaten der USA. Kaum gestartet, denkt man auch in Frankreich bereits darüber nach, das Angebot auf weitere Impfungen auszuweiten.

Gibt es Sicherheitsbedenken?

Impfexperte Hogue betont, dass bei der Grippeimfpung mit nur einer anaphylaktischen Reaktion pro 1,5 bis 2,5 Millionen Impfdosen zu rechnen sei. In Frankreich und Saudi-Arabien seien solche Fälle in Apotheken noch gar nicht aufgetreten, in den USA habe es in zwanzig Jahren nur sehr wenige Fälle gegeben. Epinephrin muss vorrätig gehalten und im Notfall angewendet werden können. Außerdem ist der Notruf zu wählen. »Das Training und die Vorbereitung sind sehr wichtig, auch wenn ein Notfall sehr unwahrscheinlich ist«, so Hogue. Alle bestätigten, dass die Apotheker sich nach einer guten Ausbildung kompetent in der Applikation und dem Notfallmanagement fühlen. In Zukunft könnte es noch einfacher werden: An Impfpflastern mit schmerzfreien Mikronadeln wird mit Hochdruck gearbeitet. Mit der Marktreife ist jedoch erst in einigen Jahren zu rechnen.

Neben den finanziellen Aspekten und dem wichtigen Beitrag für die öffentliche Gesundheit, mache das Impfen aber auch einfach Spaß, betonten die Apotheker. »Viele genießen es, mehr Zeit für Gespräche mit den Patienten haben«, berichtete Hogue. »Das ist eine viel direktere Zuwendung, wenn kein Computer zwischen uns steht. Die professionelle Zufriedenheit steigt durch das Impfen stark an.«

 

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