Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Gefährliche Reisegruppe
-
Wie Krebszellcluster die Metastasierung antreiben

Metastasen sind für rund 90 Prozent aller krebsbedingten Todesfälle verantwortlich. Lange Zeit galt in der Onkologie die Vorstellung, dass einzelne Tumorzellen aus dem Primärtumor ausbrechen, allein in die Blutbahn eintreten und sich irgendwo im Körper neu ansiedeln. Neuere Forschung stellt dieses Bild fundamental infrage.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 17.04.2026  07:00 Uhr

Cluster als therapeutische Zielstruktur

Kein zugelassenes Krebsmedikament blockiert bislang spezifisch die Metastasierung. Doch die wachsende Kenntnis über CTC-Cluster eröffnet neue therapeutische Ansatzpunkte, und die ersten klinischen Schritte sind getan.

Aceto und sein Team screenten knapp 2500 bereits zugelassene Wirkstoffe auf ihre Fähigkeit, Cluster in der Zellkultur aufzubrechen. Zwei der wirksamsten Kandidaten waren Hemmstoffe der Natrium-Kalium-Pumpe. Einer dieser Hemmstoffe war das altbewährte Herzmedikament Digoxin. In einer Phase-I-Studie, die 2020 startete und deren Ergebnisse 2025 im Fachjournal »Nature Medicine« erschienen, verabreichten Aceto und Kollegen Brustkrebspatientinnen Digoxin über sieben Tage: Die durchschnittliche CTC-Clustergröße im Blut sank um etwa zwei Zellen. Ob dieser bescheidene Rückgang klinisch relevant ist, konnte die Studie wegen ihrer kurzen Laufzeit nicht klären. Das von Aceto mitgegründete Startup »PAGE Therapeutics« entwickelt potentere, krebsspezifischere Analoga und plant noch 2026 oder 2027 eine erste Phase-I-Studie.

Eine andere Strategie, um die Zellgruppen aufzubrechen, verfolgt Professorin Dr. Anne-Laure Papa von der George Washington University in Washington D.C. Die CTC-Cluster können im Blutstrom das Gerinnungsprotein Fibrin anreichern, das die Gruppe zusammenhält, und von Blutplättchen ummantelt werden. Papas Gruppe entwickelte sogenannte Platelet Decoys. Dies sind Blutplättchen, die mit dem Gerinnungslöser tPA (Tissue Plasminogen Activator) beladen werden. Im Mausmodell reduzierten diese Decoys die Metastasengröße und verlängerten das Überleben der Tiere um rund 10 Prozent gegenüber tPA allein.

Ein immunologischer Ansatz 

Professorin Dr. Huiping Liu von der Northwestern University Feinberg School of Medicine verfolgt einen immunologischen Ansatz. Ihr Labor entdeckte, dass in den CTC-Clustern von Brustkrebspatientinnen eine seltene Immunzellpopulation überrepräsentiert ist: sogenannte doppelt-positive T-Zellen, die gleichzeitig die Rezeptoren CD4 und CD8 tragen. Während sie im Blut weniger als 0,1 Prozent aller T-Zellen ausmachen, stellen sie mehr als 14 Prozent der Immunzellen in den CTC-Clustern. Dies scheint den Clustern zu helfen, sich vor Immunangriffen zu schützen.

Diese T-Zellen docken über den Rezeptor VLA-4 an die Tumorzellen an. Ein Antikörper gegen VLA-4 halbierte in Mäusen die Metastasierungsrate und verdoppelte die Überlebenschancen. Auf Basis dieser Ergebnisse könnte der bereits zur Behandlung von Multipler Sklerose und Morbus Crohn zugelassene VLA-4-Antikörper Natalizumab für eine klinische Studie bei Brustkrebs adaptiert werden.

Schließlich denkt Professor Dr. Kevin Cheung vom Fred Hutchinson Cancer Center in Seattle noch einen Schritt weiter und plädiert dafür, die Clusterbildung von vornherein zu verhindern. Seine Gruppe zeigte 2023 in einer Publikation im Fachjournal »Proceedings oft he National Academy of Sciences«, dass sich die CTC-Clusterrate in Ratten um das Zehnfache erhöhte, wenn im Tumor die Nekrose einsetzt (was ab einer bestimmten Tumorgröße der Fall ist). Wird das Einsetzen der Nekrose verhindert, reduziert das die Zahl der CTC-Cluster erheblich. So  verschwanden bei Ratten, denen Tumorzellen ohne das für Nekrose benötigte Schlüsselprotein Angiopoietin-like 7 (Angptl7) implantiert worden waren, die Cluster nahezu vollständig. Cheungs Labor arbeitet nun an einem Antikörper, der diesen Prozess blockiert.

Mehr von Avoxa