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Gefährliche Reisegruppe
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Wie Krebszellcluster die Metastasierung antreiben

Metastasen sind für rund 90 Prozent aller krebsbedingten Todesfälle verantwortlich. Lange Zeit galt in der Onkologie die Vorstellung, dass einzelne Tumorzellen aus dem Primärtumor ausbrechen, allein in die Blutbahn eintreten und sich irgendwo im Körper neu ansiedeln. Neuere Forschung stellt dieses Bild fundamental infrage.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 17.04.2026  07:00 Uhr

CTC-Cluster sind häufiger als gedacht

Lange galt als gesichert, dass CTC-Cluster bei Krebspatienten zwar vorhanden, aber ausgesprochen selten seien. Im Blut eines Krebskranken kommt auf etwa 10 Milliarden normale Blutzellen nur eine einzige Tumorzelle. Cluster sind hingegen noch viel seltener, so der Konsens.

Das stellte jedoch der Bioingenieur an der McGill University in Montreal, Professor Dr. David Juncker, infrage. Er vermutete, dass gängige Nachweismethoden viele Cluster durch mechanischen Stress aufbrechen, bevor sie erfasst werden können. Sein Team entwickelte daher eine schonendere Methode, bei der Blut langsam durch vertikale Filterröhren fließt – ohne den Druck einer Pumpe. Das Ergebnis, das die Forschenden 2025 im Fachblatt »Communications Medicine« veröffentlichten, war verblüffend: Bei allen 30 untersuchten Krebspatienten ließen sich Cluster nachweisen, und bei zehn von ihnen waren Cluster sogar häufiger als einzelne zirkulierende Tumorzellen.

Diese Befunde haben direkte klinische Relevanz: Je mehr Cluster im Blut zirkulieren, desto fortgeschrittener und aggressiver ist in der Regel die Erkrankung. Daten aus Tiermodellen zeigen, dass CTC-Cluster um das 50- bis 100-Fache erfolgreicher sind, eine Metastase zu bilden als Einzelzellen. 

Organisierte Gruppen

CTC-Cluster sind keine zufälligen Ansammlungen von Zellen. Forschende haben festgestellt, dass sie sich aktiv organisieren und anpassen. Untersuchungen an Melanomzellen in Zebrafischen zeigten, dass Cluster häufig eine funktionale Arbeitsteilung aufweisen. So positionieren sich invasionsspezialisierte Zellen außen und schützen womöglich die innen liegenden, proliferativen Zellen vor dem Immunsystem.

Zudem verändern Cluster bei Bedarf ihre Form. Viele Klumpen sind zu groß, um Kapillaren ungehindert zu passieren. Dass sie es dennoch schaffen, durch die feinen Gefäße zu kommen, liegt daran, dass die Zellkugeln sich zu Ketten ausdehnen, dann nach Passage der Kapillaren innerhalb von Sekunden ihre ursprüngliche Kugelform wieder annehmen können.

Außerdem können nicht kanzeröse Zellen in die Cluster integriert sein. Blutplättchen, Immunzellen wie Neutrophile und Myeloidzellen sowie Fibroblasten begleiten die Tumorzellen und tragen zu deren Überleben bei.

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