| Theo Dingermann |
| 17.04.2026 07:00 Uhr |
Von Tumoren abgelöste Krebszellen bewegen sich im Blutkreislauf häufig im Verbund. Diese Zellcluster haben eine höhere Chance, eine Mettstase zu bilden als einzelne Krebszellen. / © Getty Images/koto_feja
Der menschliche Blutkreislauf ist kein freundliches Milieu für abgesprengte Krebszellen. Scherkräfte des strömenden Blutes können sie mechanisch zerstören, Immunzellen stellen ihnen nach, und die sogenannte Anoikis, die auftritt, wenn sich normalerweise fest verankerte Zellen von der extrazellulären Matrix lösen, treibt isolierte Tumorzellen in den programmierten Zelltod.
Diesem Umstand begegnen Krebszellen dadurch, dass sie oft im Verbund, als eng zusammengeschlossene Cluster, durch den Blutkreislauf strömen. Den aktuellen Stand des Wissens zu diesen »Circulating Tumor Cell Clusters« (CTC-Cluster) fasst ein Feature im Wissenschaftsmagazins »Science« zusammen.
Die Erkenntnis, dass Tumorzellen gelegentlich im Verbund wandern, ist nicht neu. Bereits 1954 hatte der Pathologe Professor Dr. Satoru Watanabe von der Yale School of Medicine in New Haven, USA, in Tierversuchen nachgewiesen, dass injizierte Tumorzellklumpen weit häufiger Lungenmetastasen erzeugten als einzeln injizierte Zellen. Die Wissenschaft ignorierte diesen Befund jedoch weitgehend und konzentrierte sich auf das Verhalten solitärer Krebszellen.
Erst die Arbeiten des Krebsbiologen Professor Dr. Daniel A. Haber und des Bioingenieurs Professor Dr. Mehmet Toner, beide an der Harvard Medical School in Boston, USA, lenkten die Aufmerksamkeit auf Zellklumpen im Blut von Krebspatienten, die zunächst als störende Zufallsfunde galten. Der damalige Postdoktorand in Habers Labor und jetzige Professor Dr. Nicola Aceto, entwickelte einen eleganten Nachweis für die metastatische Herkunft der Zellklumpen. Er markierte menschliche Brustkrebszellen genetisch so, dass sie entweder rotes oder grünes Fluoreszenzprotein produzierten, mischte beide Farben und injizierte sie in Mäuse.
Die daraus entstehenden Metastasen im Lungengewebe waren fast ausnahmslos zweifarbig, ein eindeutiger Beweis, dass sie nicht von Einzelzellen, sondern von gemischt zusammengesetzten Clustern abstammten, die gemeinsam durch den Blutstrom gereist waren. Die Ergebnisse erschienen 2014 im Fachjournal »Cell« und setzten eine wissenschaftliche Neubewertung in Gang.