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E-Rezept

Wie kann sich jede einzelne Apotheke vorbereiten?

Was kann ich für meine Apotheke tun, damit mich der Versandhandel beim Start des E-Rezepts nicht abhängt? Diese Frage stellen sich derzeit wohl die meisten Apothekeninhaber. Diskutiert wurde darüber am Mittwochabend bei einer Veranstaltung des Pharmagroßhändlers Gehe in Hamburg.
Daniela Hüttemann
06.02.2020  15:02 Uhr

Gehe hatte Apotheker aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zur »Blauen Stunde« in Hamburg eingeladen, um über die aktuellen Entwicklungen beim E-Rezept zu diskutieren. Die Veranstaltung war überaus gut besucht, denn passender hätte der Termin nicht gewählt sein können. Erst am 30. Januar hatte das Bundesgesundheitsministerium (BMG) bekannt gegeben, dass die DAV-Web-App der Apothekerschaft nicht den alleinigen Zuschlag als Patientenanwendung für das E-Rezept bekommen soll, zumindest steht es so im Gesetzentwurf für das neue Patientendaten-Schutzgesetz (PDSG). Das Gesetz soll die Details zur Einführung der elektronischen Patientenakte (EPA) und zum E-Rezept regeln.

Der Entwurf sieht vor, dass die Gematikdie zentrale App für das E-Rezept entwickeln soll. Die Patienten sollen ihre digitale Verordnung nach dem Arztbesuch von der Gematik-App an andere Anbieter weiterleiten können. Christian Klose, Leiter der BMG-Unterabteilung Gematik, Telematik-Infrastruktur und E-Health, schätzt, dass sich hier das Angebot im niedrigen zweistelligen Bereich einpendeln wird. Er mahnte, dass die Digitalisierung Mehrwerte für den Nutzer bieten müsse, um akzeptiert zu werden. Mit Nutzer meinte er nicht nur den Patienten, sondern alle am E-Rezept-Prozess beteiligten, auch Apotheker, Ärzte und Krankenkassen. 

Der Patient soll laut Gesetzentwurf frei entscheiden können, ob er die Gematik-App nutzt oder das E-Rezept über eine andere App an eine Apotheke seiner Wahl, ob vor Ort oder online übermittelt. Entscheidend für die Akzeptanz werden der Mehrwert für den Patienten und die intuitive, einfache Anwendung (Usability) sein, waren sich alle Anwesenden einig.

Während Klose betonte, dass aus Gematik-Sicht neben der Datensicherheit vor allem Mehrwerte im Bereich der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) und Adhärenz wünschenswert seien, fürchteten viele Apotheker, dass für viele Kunden die Bequemlichkeit das entscheidende Kriterium sein wird. Auch herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, was nun zu tun ist, denn: »Wir bekommen zurzeit die verschiedensten Informationen von allen Seiten in unterschiedlicher Qualität«, ärgert sich Sebastian Schulz, Mitinhaber der Gesundleben-Apotheke am Universitätsklinikum in Hamburg. Die Versender werben bereits mit ihren Plattformen und bringen sich so als vermeintliche E-Rezept-Experten in Stellung. »Wir Apotheker haben Angst, wichtige Informationen zu verpassen und dass der Zug für uns schon abgefahren ist.« Was kann jede einzelne Apotheke jetzt schon tun?

Arbeitsabläufe anpassen

Peter Schreiner, Vorsitzender der Gehe-Geschäftsführung, betonte, dass sich jede Apotheke damit beschäftigen muss, ihre Arbeitsabläufe an das E-Rezept anzupassen. »Das E-Rezept wird den Apothekenmarkt verändern – es wird Gewinner und Verlierer geben, aber wir sehen für die Vor-Ort-Apotheken gute Chancen, wenn sie sich bereits jetzt mit dem Thema auseinandersetzen.« Andreas Thiede, Geschäftsführer Vertrieb und Marketing bei Gehe, forderte, dass sich die stationäre Apotheke, wenn noch nicht geschehen, mit Online-Vertriebskanälen verbinden müsse. »Patienten wünschen sich, dass ihr Medikament sofort verfügbar ist und noch am selben Tag ohne Versandkosten geliefert wird«, so Thiede. Das könnten die lokalen Apotheken gut mit dem Pharmagroßhandel gemeinsam schaffen.

Es werde digitale Lösungen geben, damit der Patient per App in Echtzeit abfragen kann, ob sein verordnetes Medikament, auch unter Berücksichtigung von Rabattverträgen, in der Wunschapotheke vorrätig oder lieferbar ist, glaubt Frank-Ullrich-Schmidt, Apotheker und Leiter des Referats Arzneimittel beim GKV-Spitzenverband. Dadurch, dass die Ärzte die Verordnung korrekt ausfüllen müssen, um sie überhaupt freigeben zu können, erwarten die Krankenkassen weniger Verordnungsfehler und damit weniger verärgerter Patienten, die zurück in die Arztpraxis müssen, um ein korrektes Rezept zu holen – und weniger Erklärungsbedarf für den Apotheker. Denkbar sei auch, dass es verschiedene Anwendungen für diverse Zielgruppen wie Familien, Senioren oder Heimbewohner geben werde, ergänzte Klose.

Botendienst und Beratung mitentscheidend

Voraussetzung für den Erfolg ist, dass sich jede Apotheke jetzt Gedanken zur Organisation macht. »Optimieren Sie Ihr Warenlager und Ihre Serviceangebote«, riet Peter Menk, Geschäftsführer der Intiative Pro Apotheke vor Ort (Pro AvO), auf konkrete Nachfrage der PZ. Dazu gehöre, den Botendienst gut zu organisieren und gegebenenfalls auszubauen und eine telefonische Beratung, vielleicht zu bestimmten Uhrzeiten, anzubieten. »Probieren Sie auch jetzt schon die verfügbaren digitalen Online-Lösungen Ihrer Softwareanbieter und Großhändler aus«, ergänzt Menk. Viele Apotheker berichteten zwar, dass sie darüber bislang kaum Bestellungen erhielten – »aber auch daraus kann man jetzt schon unglaublich viel lernen«, ist Menk überzeugt.

»Der beste Weg für den Patienten ist es, wenn er sein Rezept sofort an seine Wunschapotheke schicken kann und es da ist, wenn er dort vorbeikommt oder es ihm sofort geliefert wird«, meint der Geschäftsführer von Pro AvO. Auf Initiative von Gehe, Sanacorp, Noventi, Rowa und dem Wort-und-Bild-Verlag will das Portal zur führenden Plattform für die rund 19.000 Apotheken in Deutschland werden, die sich hier gemeinsam präsentieren können. Im Frühjahr will Pro AvO seine Lösung für einen diskriminierungsfreien Zugang für alle Apotheken bundesweit genauer vorstellen. »Wir brauchen vorher die Klarheit der Gematik, wie es weitergehen soll.«

Klose vom BMG meint: »Nichts zu tun, ist nie eine gute Option.« Apotheken sollten sich schon einmal über die Konnektoren für den Anschluss an die Telematik-Infrastruktur (TI) informieren, der bis September dieses Jahres erfolgen muss. »Sprechen Sie mit Ihren Dienstleistern, welche Komponenten genau Sie brauchen, wie Sie Ihr System vorbereiten können, wann und wie genau die Installation durchgeführt wird.« Apothekeninhaber sollten aber zum jetzigen Zeitpunkt noch keinen Konnektor bestellen, da die endgültige Spezifikation immer noch aussteht. »Verfolgen Sie das Thema aufmerksam und sprechen Sie gegebenenfalls mit Ihrer Kammer oder Ihrem Verband.«

Ein großes Pfund gegenüber dem reinen Versandhandel haben die Vor-Ort-Apotheken selbst in der Hand: Sie können jetzt schon ihre Kunden darüber informieren, dass das E-Rezept (im Übrigen auf freiwilliger Basis) demnächst komme, und ihnen versichern, dass ihr Rezept dann weiterhin am besten bei ihrer Stammapotheke aufgehoben sei, betonte Gehe-Geschäftsführer Schreiner. Der Großhandel wolle die Apotheken bei der Kommunikation unterstützen, dass nicht gewisse Onlinehändler, sondern die Apotheken vor Ort »das E-Rezept sind«. 

Einige Bedenken bleiben

Hamburgs Apothekerkammer-Präsident Kai-Peter Siemsen pochte noch einmal darauf, dass der Gesetzgeber faire Rahmenbedingungen mit gleichen Bedingungen für alle festlege. Dazu gehört ein Makelverbot für Dritte, das bislang im Gesetzentwurf noch fehlt. Außerdem dürfe es keine Boni-Möglichkeiten geben. Dazu sagte Klose, das BMG sei »an den Boni dran«, es hänge aber nun mal auf europäischer Ebene. Und zum Makelverbot, das bislang im Gesetzentwurf nur für Apotheker und Ärzte gilt: »Dafür gibt es Anhörungen.« Er machte also indirekt Hoffnung, dass die Forderung der Apotheker hier noch einfließt.

Kay Klindworth, Apothekeninhaber aus Bad Schwartau, sagte, ihn umtreibe am meisten die ab 1. März möglichen Folgeverordnungen. Ein Rezept soll dabei nach erster Einlösung bis zu dreimal wieder beliefert werden können. Klindworth fürchtet, dass der Versandhandel hier die chronisch kranken Patienten an sich binden will. 

Kritik kam auch vom Geschäftsführer des Hamburger Apothekervereins und Schleswig-Holsteiner Apothekerverbands, Thomas Friedrich. Es stehe immer noch nicht fest, wie genau das E-Rezept aussehen soll, ob es ein sogenanntes Image gibt, also ein Bild wie das altbekannte rosa Rezept, und welche Felder enthalten sein werden. Darüber spreche der GKV-Spitzenverband gerade mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, informierte deren Vertreter an dem Abend, Frank-Ullrich Schmidt. Dabei säßen auch Apotheker mit am Tisch.

Die Apotheke werde kein Image abrufen, sondern den Verordnungsdatensatz des Arztes. In der Apotheke wird dann der Dispensierdatensatz erstellt, also was tatsächlich beliefert wurde. Zusätzlich gibt es noch einen Abrechnungsdatensatz für das Rechenzentrum. Bei derzeit mehr als 20 Millionen Rezepten im Monat könne man in Zukunft 56 Tonnen Papier sparen, das in der Arztpraxis ausgedruckt, in der Apotheke wieder eingescannt und bedruckt wird, physisch ans Rechenzentrum geht, um dort wieder eingescannt zu werden.

Während Schmidt daran zweifelt, dass das E-Rezept zum 1. Januar 2021 in den Regelbetrieb gehen wird, gab sich der BMG-Vertreter Klose hier zuversichtlich. So oder so: »In zwei Jahren spätestens wird das E-Rezept zum Regelfall, die Zeit bis dahin müssen wir nutzen«, meint Pro AvO-Geschäftsführer Menk.

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