Arzneimittel können die Persönlichkeit verändern: Sie können enthemmen oder Aggressionen fördern, aber auch emotional abstumpfen. / © Adobe Stock/Robert Kneschke
Arzneimittel greifen in physiologische Abläufe ein. Sie modulieren Rezeptorsysteme, verändern Neurotransmitterkonzentrationen und beeinflussen hormonelle Achsen. Doch mitunter beeinflusst das nicht nur krankhafte Veränderungen, sondern auch Charakterzüge und Persönlichkeitsmerkmale. Angehörige berichten, dass der Patient nicht mehr derselbe sei, oder Betroffene selbst klagen über emotionale Abstumpfung oder Hoffnungslosigkeit.
Wie häufig psychiatrische Nebenwirkungen auftreten, ist unklar. Während Exantheme oder Laborwertveränderungen objektivierbar sind, basieren Verhaltensänderungen häufig auf Fremdbeobachtung. Mitunter werden sie als Krankheitsprogression fehlinterpretiert oder aufs Alter geschoben und ein Zusammenhang mit dem Arzneimittel wird oft erst spät erwogen. Klinische Studien erfassen Nebenwirkungen strukturiert, jedoch nicht immer differenziert genug hinsichtlich subtiler Persönlichkeitsveränderungen. Spontanmeldesysteme sind auf Initiative von Heilberuflern und Patienten angewiesen. Veränderungen des Ichs werden möglicherweise gar nicht als meldepflichtige Nebenwirkung wahrgenommen.
Zu beachten ist weiterhin, dass der Begriff Persönlichkeit in der Medizin unscharf definiert ist. In der Psychologie versteht man darunter relativ stabile Muster des Denkens, Fühlens und Handelns.
Persönlichkeit umfasst unter anderem Temperament, Impulskontrolle, emotionale Reaktivität, Empathiefähigkeit, Risikobereitschaft und soziale Interaktionsmuster (1). Neurobiologisch entsteht sie durch komplexe Vorgänge im Gehirn, die durch Neurotransmittersysteme moduliert werden. Dabei spielen Dopamin (Belohnung, Motivation, Risikoverhalten), Serotonin (Impulshemmung, emotionale Regulation), Noradrenalin (Vigilanz, Stressreaktion), GABA (inhibitorische Kontrolle) und Acetylcholin (Kognition, Aufmerksamkeit) eine Rolle.
Arzneimittel, die in diese Systeme eingreifen, beeinflussen daher potenziell auch affektive und verhaltensbezogene Muster (2). Persönlichkeitsveränderungen werden für etliche Arzneistoffgruppen beschrieben (Tabelle 1).
| Wirkstoffgruppe | Mögliche beschriebene Veränderungen | Klinische Besonderheiten |
|---|---|---|
| Glucocorticoide | Euphorie (akut), Reizbarkeit, emotionale Labilität, Depression, Angstzustände, verminderte Fähigkeit, flexibel zu denken (kognitive Rigidität) | dosisabhängig, oft reversibel |
| Anticholinergika | Verwirrtheit, Gedächtnisdefizite, emotionale Verflachung, kognitive Rigidität, erhöhtes DemenzrisikoPersönlichkeitsveränderungen bei Älteren | erhöhtes Risiko im Alter |
| Benzodiazepine | Enthemmung, Impulsivität, veränderte Risikobereitschaft, Aggressivität, GedächtnislückenPersönlichkeitswandel und emotionale Abstumpfung bei Langzeitgebrauch | paradoxe Reaktionen möglich |
| Betablocker | meist keine klare Persönlichkeitsänderung | Hinweise betreffen in erster Linie lipophile Vertreter |
| Dopamin-Agonisten | Impulskontrollstörungen: Spielsucht, Hypersexualität, Kaufsucht | häufig Fremdbeobachtung entscheidend |
| Fluorchinolone | Agitiertheit, Verwirrung, Depression, Psychose, Manie | Rote-Hand-Brief zu systemisch und inhalativ angewendeten Fluorchinolon-haltigen Antibiotika des BfArM* |
| SSRI/SNRI | emotionale Abstumpfung, verringerte Empathie, ApathieSuizidalität bei Jüngeren | besonders kritisch zu Therapiebeginn |
*) Rote-Hand-Brief zur Fluorchinolonen