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Persönlichkeitsstörungen
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Wenn Medikamente das »Ich« verändern

Psychiatrische Nebenwirkungen von Medikamenten sind eine besondere Herausforderung. Ethisch stellt sich die Frage, wie weit eine Therapie in das »Ich« eingreifen darf. Wie hoch darf der Preis für die Therapie sein?
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 12.04.2026  08:00 Uhr

Arzneimittel greifen in physiologische Abläufe ein. Sie modulieren Rezeptorsysteme, verändern Neurotransmitterkonzentrationen und beeinflussen hormonelle Achsen. Doch mitunter beeinflusst das nicht nur krankhafte Veränderungen, sondern auch Charakterzüge und Persönlichkeitsmerkmale. Angehörige berichten, dass der Patient nicht mehr derselbe sei, oder Betroffene selbst klagen über emotionale Abstumpfung oder Hoffnungslosigkeit.

Wie häufig psychiatrische Nebenwirkungen auftreten, ist unklar. Während Exantheme oder Laborwertveränderungen objektivierbar sind, basieren Verhaltensänderungen häufig auf Fremdbeobachtung. Mitunter werden sie als Krankheitsprogression fehlinterpretiert oder aufs Alter geschoben und ein Zusammenhang mit dem Arzneimittel wird oft erst spät erwogen. Klinische Studien erfassen Nebenwirkungen strukturiert, jedoch nicht immer differenziert genug hinsichtlich subtiler Persönlichkeitsveränderungen. Spontanmeldesysteme sind auf Initiative von Heilberuflern und Patienten angewiesen. Veränderungen des Ichs werden möglicherweise gar nicht als meldepflichtige Nebenwirkung wahrgenommen.

Was ist Persönlichkeit?

Zu beachten ist weiterhin, dass der Begriff Persönlichkeit in der Medizin unscharf definiert ist. In der Psychologie versteht man darunter relativ stabile Muster des Denkens, Fühlens und Handelns.

Persönlichkeit umfasst unter anderem Temperament, Impulskontrolle, emotionale Reaktivität, Empathiefähigkeit, Risikobereitschaft und soziale Interaktionsmuster (1). Neurobiologisch entsteht sie durch komplexe Vorgänge im Gehirn, die durch Neurotransmittersysteme moduliert werden. Dabei spielen Dopamin (Belohnung, Motivation, Risikoverhalten), Serotonin (Impulshemmung, emotionale Regulation), Noradrenalin (Vigilanz, Stressreaktion), GABA (inhibitorische Kontrolle) und Acetylcholin (Kognition, Aufmerksamkeit) eine Rolle.

Arzneimittel, die in diese Systeme eingreifen, beeinflussen daher potenziell auch affektive und verhaltensbezogene Muster (2). Persönlichkeitsveränderungen werden für etliche Arzneistoffgruppen beschrieben (Tabelle 1).

Wirkstoffgruppe Mögliche beschriebene Veränderungen Klinische Besonderheiten
Glucocorticoide Euphorie (akut), Reizbarkeit, emotionale Labilität, Depression, Angstzustände, verminderte Fähigkeit, flexibel zu denken (kognitive Rigidität) dosisabhängig, oft reversibel
Anticholinergika Verwirrtheit, Gedächtnisdefizite, emotionale Verflachung, kognitive Rigidität, erhöhtes Demenzrisiko
Persönlichkeitsveränderungen bei Älteren
erhöhtes Risiko im Alter
Benzodiazepine Enthemmung, Impulsivität, veränderte Risikobereitschaft, Aggressivität, Gedächtnislücken
Persönlichkeitswandel und emotionale Abstumpfung bei Langzeitgebrauch
paradoxe Reaktionen möglich
Betablocker meist keine klare Persönlichkeitsänderung Hinweise betreffen in erster Linie lipophile Vertreter
Dopamin-Agonisten Impulskontrollstörungen: Spielsucht, Hypersexualität, Kaufsucht häufig Fremdbeobachtung entscheidend
Fluorchinolone Agitiertheit, Verwirrung, Depression, Psychose, Manie Rote-Hand-Brief zu systemisch und inhalativ angewendeten Fluorchinolon-haltigen Antibiotika des BfArM*
SSRI/SNRI emotionale Abstumpfung, verringerte Empathie, Apathie
Suizidalität bei Jüngeren
besonders kritisch zu Therapiebeginn
Tabelle 1: Wirkstoffgruppen (alphabetisch sortiert) und beschriebene Persönlichkeitsveränderungen
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