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Restless-Legs-Syndrom
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Was ist neu bei der Therapie?

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin haben eine neue S2k-Leitlinie zur Therapie des Restless-Legs-Syndroms herausgegeben. Neu gilt nun die Empfehlung, den Eisenstoffwechsel zu optimieren und medikamentöse sowie nicht medikamentöse Maßnahmen langsam und symptomorientiert einzusetzen.
AutorKontaktKatja Renner
Datum 03.11.2022  11:00 Uhr

Einfluss von Medikamenten

Im Rahmen der Diagnosestellung ist eine Anamnese der eingenommenen Medikamente durchzuführen. Antipsychotika und Metoclopramid (MCP) wirken antidopaminerg und können die RLS-Symptomatik verstärken. Auch Antidepressiva wie Mirtazapin, Citalopram, Paroxetin, Venlafaxin oder andere selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) können die Symptomatik potenziell verschlechtern, werden aber auch teilweise gegen begleitende depressive Beschwerden bei Betroffenen eingesetzt. Bei der Therapieeinführung ist auf eine Veränderung der Symptomatik zu achten. Bupropion, Trazodon, Nefazodon und Doxepin gelten als verträglicher bei RLS.

Ein übermäßiger Bewegungsdrang kann auch durch ein medikamentös ausgelöstes Serotonin-Überstimulationssyndrom ausgelöst sein. Dies tritt bei Überdosierungen von serotonergen Medikamenten wie SSRI, selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SSNRI), Monoaminooxidase-Hemmern, Tramadol oder Linezolid auf.

Therapie des Restless-Legs-Syndroms

Nur ein kleiner Teil der Menschen mit RLS braucht eine medikamentöse Therapie; laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind es 1 bis 2 Prozent. Der Leitlinie zufolge ist das entscheidende Kriterium für die Behandlung, ob die Lebens- und Schlafqualität aufgrund von imperativem Bewegungsdrang, Schmerz, Insomnie und Tagesmüdigkeit beeinträchtigt sind. Komorbide Erkrankungen sollten vorab identifiziert und behandelt sowie Komedikationen, die RLS-Beschwerden verstärken können, möglichst umgestellt werden. Eine medikamentöse Therapie des RLS sollte dann zunächst intermittierend oder kontinuierlich mit einer niedrigen Dosis erfolgen. Entsprechend der Intensität der Beschwerden wird die Therapie intensiviert. Maßgabe dabei ist, möglichst niedrige Dosierungen einzusetzen und so spät wie möglich zu eskalieren.

Mittel der ersten Wahl bei leichten Beschwerden und niedrigen Eisenspiegeln (Serumferritin ≤ 75 µg/l) ist die orale Supplementation von 325 mg Eisen-II-Sulfat zweimal täglich zusammen mit 100 mg Vitamin C, was die Resorption verbessert. Bei der Abgabe sollte Apothekenpersonal auf potenzielle gastrointestinale Nebenwirkungen wie Obstipation, Übelkeit oder Sodbrennen hinweisen. Es stehen Filmtabletten, Tropfen oder retardierte Darreichungsformen, die sich zum Schutz der Magenschleimhaut erst im Dünndarm auflösen, zur Verfügung. Letztere sollten nüchtern eingenommen werden, also etwa eine Stunde vor oder mindestens zwei Stunden nach einer Mahlzeit. Außerdem sollte ein zeitlicher Abstand von etwa einer Stunde zu Tee, gerbstoffhaltigen Nahrungsmitteln und von zwei Stunden zu Chelatbildnern eingehalten werden. Nicht retardierte Zubereitungen werden besser resorbiert, sind aber tendenziell schlechter verträglich.

Falls der Serumferritinwert durch die orale Eisensupplementation nicht steigt oder diese wegen gastrointestinaler Beschwerden nicht vertragen wird, sollte frühzeitig eine intravenöse Behandlung mit Ferrocarboxymaltose erfolgen.

Ist der Ferritinspiegel nicht erniedrigt oder bessert die Eisensupplementierung die Beschwerden nicht ausreichend, stehen die Non-Ergot-Dopaminagonisten Rotigotin, Ropinirol oder Pramipexol als Therapeutika der ersten Wahl zur Verfügung. Die Dosis soll so niedrig wie möglich sein, um einer Augmentation vorzubeugen. Unter der Augmentation ist ein im Tagesverlauf früheres Auftreten der RLS-Symptome, eine Verstärkung der Symptome und/oder eine Ausweitung der Beschwerden zum Beispiel auf die Arme unter dopaminerger Medikation zu verstehen.

Nicht retardierte Darreichungsformen von Pramipexol und Ropinirol haben den Vorteil eines raschen Wirkungseintritts, sind aber auch kürzer wirksam als Rotigotin, das kontinuierlich über 24 Stunden aus einem transdermalen System freigesetzt wird. Letzteres eignet sich also eher für Patienten, die auch tagsüber und nicht nur abends Beschwerden haben. Die Wirksamkeit retardierter Zubereitungen von Pramipexol und Ropinirol wurde für die Indikation des RLS nicht untersucht, sodass sie off Label verordnet werden. Patienten sollten mögliche Nebenwirkungen bei der Eindosierung wie Schwindel, Ödembildung, Übelkeit und Benommenheit kennen. Im längeren Therapieverlauf können auch Tagesmüdigkeit und Impulskontrollstörungen auftreten.

Eine Alternative zu Dopaminagonisten sind die Gabapentinoide Pregabalin und Gabapentin. Die Anwendung bei RLS erfolgt mangels Zulassung off Label. Die Leitlinie empfiehlt Gabapentin in einer Dosierung von 200 mg mit der Option, auf maximal 1800 mg aufzudosieren. Pregabalin ist bei moderatem bis schwergradigem RLS in Dosierungen zwischen 150 und 450 mg bei jeweils einmaliger Gabe am Abend wirksam. Da die Gabapentinoide renal eliminiert werden, gilt es, die Nierenfunktion zu überwachen und bei Niereninsuffizienz eine Dosisanpassung vorzunehmen. Dosisabhängige Nebenwirkungen sind Schwindel, periphere Ödeme, Gangunsicherheit, Benommenheit und Sehstörungen. Nicht selten sind diese für die hohen Abbruchraten der Arzneistoffe verantwortlich.

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