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SARS-CoV-2-Infektionen

Was ist bekannt zur Immunität?

Die nach einer SARS-CoV-2-Infektion gebildeten Antikörper verschwinden aktuellen Studien zufolge rasch wieder. Was bedeutet das für die Herdenimmunität, Immunitätsausweise und die Entwicklung von Impfstoffen? Und welche Rolle spielt die zelluläre Immunantwort?
dpa
PZ
10.07.2020  16:00 Uhr

In der Corona-Pandemie hoffen viele Menschen auf Immunität – nach überstandener Infektion oder durch eine bald verfügbare Impfung. Nun aber deuten viele Studien darauf hin, dass gerade bei Menschen, die nur wenige oder gar keine Symptome hatten, schon bald nach einer Infektion keine Antikörper im Blut mehr nachweisbar sind. Zwar ist noch unklar, was das für eine mögliche Immunität bedeutet. Doch die Beobachtungen wecken Zweifel an der Aussagekraft von Antikörper-Tests und an den derzeit diskutierten Immunitätspässen. Auch für die Entwicklung eines Impfstoffs wäre ein möglichst genaues Verständnis der Immunantwort auf SARS-CoV-2 zentral.

Generell ist das Vorhandensein spezifischer Antikörper ein guter Hinweis auf eine durchgemachte Infektion. Allerdings mehren sich die Hinweise, dass eine Antikörperantwort mit der Symptomstärke korreliert und auch nicht lange anhält. So fand eine Untersuchung des Universitätsspitals Zürich bei Menschen mit milden oder asymptomatischen Verläufen keine IgG-Antikörper im Blut. Diese sind wichtig für das Immungedächtnis – damit das Immunsystem bei erneutem Kontakt mit dem Erreger stärker und schneller reagiert. Die Studie ist bislang nur als Preprint auf dem Server »BioRxiv« erschienen – ist also weder von Experten begutachtet noch in einem Fachjournal publiziert. 

Eine weitere als Preprint veröffentlichte Untersuchung des Lübecker Gesundheitsamts fand bei 30 Prozent von 110 mit SARS-CoV-2 Infizierten mit ebenfalls höchstens mäßigen Covid-19-Symptomen keine Antikörper. Und im Fachjournal »Nature Medicine« berichten Forscher aus China, dass bei Infizierten ohne Symptome die Antikörper-Konzentration im Blut bereits nach kurzer Zeit deutlich sank. Innerhalb von acht Wochen wurden 40 Prozent der Personen ohne Krankheitszeichen seronegativ für IgG-Antikörper, dies bedeutet, dass bei ihnen keine dieser Antikörper mehr nachgewiesen werden konnten. In der Gruppe der Symptomatischen war dies nur bei 12,9 Prozent der Fall.

Solche Studien lassen die Aussagekraft von Antikörper-Massentests, die das Ausmaß der Corona-Infektionswelle in der Bevölkerung klären sollen, fraglich erscheinen, zumal die Tests selbst noch recht ungenau sind. Zudem könnte eine durch Antikörper gegebene Immunität bei vielen SARS-CoV-2-Infizierten schon nach kurzer Zeit wegfallen.

Korrelat für Immunschutz noch unbekannt

Entsprechend skeptisch sieht Dr. Thomas Jacobs vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) die Einführung von Immunitätspässen für Menschen, die eine Infektion mit SARS-CoV-2 hinter sich haben. Wissenschaftlich ist ohnehin nicht gesichert, dass die Präsenz von Antikörpern automatisch vor einer erneuten Infektion schützt. »Wir wissen generell noch nicht genau, wie Antikörper schützen«, stellt der Immunologe fest. Studien würden zwar einen solchen Schutz nahelegen, »aber wie hoch beispielsweise der Antikörper-Spiegel dafür sein muss, bleibt unklar«. Die Korrelate für einen Immunschutz müssen noch erforscht werden.

Professor Dr. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), betont, man müsse bei Antikörpern differenzieren: »Es gibt bei Antikörpern verschiedene Qualitäten, und nicht alle verhindern eine Infektion.« Wichtig sei hier, harte Daten zu finden: »Ob ein Immunschutz entsteht, muss an der Realität gemessen werden.«

Ebenso wenig überraschen Jacobs die Studienresultate, dass gerade bei asymptomatischen Erkrankungen schnell wenige oder gar keine Antikörper mehr auffindbar sind: »Wenige Viren im Hals- und Rachenbereich genügen wahrscheinlich nicht, um eine große Antikörper-Antwort oder T-Zellen-Immunität auszulösen.«

Für das Immunsystem sei diese angepasste Reaktion durchaus sinnvoll, da wir im Alltag ständig Pathogenen ausgesetzt seien: »Wenn wir mit leichten Waffen antworten können, brauchen wir keine schweren Geschütze aufzufahren.« Bei Covid-19-Erkrankungen mit schwereren Symptomen werde indes vermutlich schon ein längerfristiger Schutz aufgebaut.

Studien zu anderen Coronaviren weisen darauf hin, dass eine erneute SARS-CoV-2-Infektionen komplett verhindernde Immunität vielleicht nur einige Monate bestehen bleibt, wie der Virologe Professor Dr. Shane Crotty vom La Jolla Institute of Immunology in Kalifornien dem Fachjournal »Nature« erklärt. Eine Symptome abmildernde Immunität könnte es demnach länger geben.

Die Rolle der T-Zellen

Ungewiss ist, welcher Teil der Immunabwehr besonders wichtig für diesen Schutz ist. »Neben den Antikörper bildenden B-Zellen kann die T-Zell-Antwort auf den Erreger genauso wichtig sein«, erklärt Jacobs. Denn außer der Antikörperbildung hat die Immunreaktion einen zweiten Arm: die zelluläre Immunantwort. Welcher Mechanismus hier vor allem wirke, sei eine zentrale Frage für die Entwicklung eines Impfstoffs.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass sowohl asymptomatisch Infizierte als auch Covid-19-Patienten mit schweren Erkrankungen eine robuste T-Zell-Antwort zeigen, die gegen das Spike-Protein des Virus gerichtet ist. Das berichtete zum Beispiel Crotty vor Kurzem im Journal »Cell«.

Diese T-Zellen bieten auch einen gewissen Immunschutz für spätere Infektionen, betonten Experten bei einer Veranstaltung des Science Media Center am 1. Juli. »T-Zellen haben das Potenzial, dass sie ein Gedächtnis ausbilden und dann länger persistieren«, betonte Professor Dr. Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg. »Genauso wie es das T-Zell-Gedächtnis gibt, gibt es auch das B-Zell-Gedächtnis, und auch das kann wieder aktiviert werden bei einem erneuten Kontakt mit dem SARS-Coronavirus.« Wenn die Antikörpertiter nach der Infektion abnehmen, dann bedeute das nicht, dass bei einem erneuten Kontakt mit dem SARS-Coronavirus überhaupt keine Immunantwort mehr da sei. Die Zellen könnten rasch reaktiviert werden. Denn darauf beruhe schließlich das Prinzip von Impfungen, dass die Immunantwort beim zweiten Kontakt schneller und stärker ist als bei einem ersten Kontakt mit einem Erreger.

Wie sinnvoll sind Tests auf T-Zellen?

Wenn Antikörper rasch verschwinden, könnten dann Tests auf spezifische T-Zellen eine Immunität gegen nachweisen? Prinzipiell schon, betont Becker: »Aber genauso wie es unspezifische Antikörper gibt, gibt es auch unspezifische T-Zellen. Und bei den T-Zellen ist es so: Da werden lineare Epitope erkannt. Das kann möglicherweise noch unspezifischer sein als Antikörper.« Dies bedeutet, dass es eine gewisse Kreuzreaktivität bei ähnlichen Epitopen von verschiedenen Coronaviren gibt.

Dazu verweist Infektionsforscher Jacobs auf Studien aus den USA und Deutschland: Darin hatten bis zu 30 Prozent der Menschen, die nicht mit SARS-CoV-2 infiziert waren, dennoch bestimmte T-Zellen, die auf dieses Coronavirus reagierten: »Wahrscheinlich hatten sie schon einmal Kontakt mit sogenannten Common-Cold-Coronaviren«, also mit anderen Coronaviren, die herkömmliche Erkältungen auslösen. Ein solcher Kontakt könnte eine Teil-Immunität gegen Covid-19 bieten. »Das würde erklären, warum bei der Infektion so unterschiedliche Dynamiken und Symptome zu beobachten sind«, vermutet Jacobs. Noch ist allerdings unklar, ob und welchen Schutz diese sogenannte T-Zell-Reaktivität bieten könnte.

Was bedeutet das für T-Zelltests? Hierzu erklärt Professor Dr. Leif-Erik Sander von der Charité –Universitätsmedizin Berlin beim Science Media Center: »Es gibt Bereiche des Virus, die sehr spezifisch sind, mit Fokus auf diese ließe sich irgendwann hohe Spezifität der T-Zelltests erreichen.« Daran werde derzeit gearbeitet. »Diese Tests sind aber sehr aufwendig, sodass sie nicht in einem Surveillance-Maßstab durchzuführen sind.« Eine Immunität auf Bevölkerungsebene lasse sich auch mit diesen nicht untersuchen.

Die Experten sprechen sich auch deutlich gegen das Prinzip von Immunitätsausweisen aus. Derzeit sei die Wissenschaft nicht in der Lage, mit irgendeinem Nachweisverfahren für ein Individuum festzustellen, ob es immun gegenüber einer Neuinfektion oder einer Zweitinfektion ist oder nicht.

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