| Laura Rudolph |
| 02.06.2026 13:00 Uhr |
Professor Dr. Heyo Kroemer stellte einige Ansätze vor, um das Ausgabenproblem im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. / © PZ/Alois Müller
»Wir sind in einer extremen Transitionsphase«, betonte Professor Dr. Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin. In seinem Vortrag »Medizin und Zukunft: Herausforderungen und Chancen für das Gesundheitswesen« verdeutlichte er, was moderne Medizin alles kann – und welchen Preis uns diese Innovationen als Gesellschaft kosten.
Beispielsweise sei es möglich, bestimmte Herzoperationen mittels minimalinvasiver Robotik durchzuführen – wesentlich schonender und minimalinvasiver als bisherige Ansätze. »Es ist phänomenal zu sehen, dass Menschen, die am Morgen einen solchen Eingriff hatten, schon abends auf die Normalstation verlegt werden können.« Oder aber auch neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Tick-Störungen können nicht-invasiv mithilfe der temporalen Interferenz Magnetstimulation positiv beeinflusst werden.
Nicht zuletzt gibt es auch immer mehr neue Gentherapien, zum Beispiel seit rund zwei Jahren eine CRISPR/Cas-9-Gentherapie bei Sichelzellanämie; sie kostet rund 2,2 Millionen Euro pro Patient. »Neue Therapien sind unglaublich wichtig, aber ihre Finanzierung stellt das Gesundheitssystem vor erhebliche Herausforderungen. In Zukunft werden wir auswählen müssen, wer welche Behandlung erhält«, sagte Kroemer. Denn die Gesellschaft könne es sich schlichtweg nicht leisten, für alle Therapien, die heute möglich sind, aufzukommen.
Ein weiteres Problem, das aus Sicht des Experten eine »komplett unterschätzte Dramatik« aufweist, ist der demografische Wandel. »In Deutschland haben wir ihn komplett ausgeblendet.« Niemand könne sagen, wer die ganzen Fachkräfte der Babyboomer-Generation, die kürzlich in den Ruhestand gegangen sind oder in den nächsten Jahren gehen werden, ersetzen soll. »Wir werden viele Stellen im Gesundheitswesen nicht mehr besetzen können«, so Kroemer. In zehn Jahren könnten bis zu 1,8 Millionen Stellen unbesetzt sein. Der Generationenvertrag sei damit implizit gekündigt.
Weiterhin werde die »Sparlogik« der Regierung und die systematische Ausgabenbegrenzung viele Krankenhäuser, vor allem kleinere, hart treffen.
Kroemer sprach in seinem Vortrag auch über mögliche Lösungen. »Es liegt auf der Hand: Wir müssen die Ausgaben an die Einnahmen anpassen.« Ein wichtige Teil der Lösung sei Digitalisierung. Rund ein Drittel der Prozesse im Gesundheitswesen seien digitalisierbar. Die Unternehmensberatung McKinsey habe ausgerechnet, dass allein dadurch 42 Milliarden Euro eingespart werden könnten. »Digitalisierung ist im Prinzip alternativlos. Allerdings scheitert sie in Deutschland häufig am Datenschutz.«
Darüber hinaus könne künstliche Intelligenz, die bereits heute in vielen Bereichen der Medizin angewendet wird, wesentlich zur Entlastung beitragen. Kooperationen mit privatwirtschaftlichen Unternehmen seien eine Option, um Forschungsvorhaben oder andere Projekte zu finanzieren.
Am meisten spart das Gesundheitssystem allerdings, wenn Menschen gar nicht erst krank werden. »Prävention liegt mir wirklich am Herzen. Sie ist keine Option mehr, sondern eine absolute Notwendigkeit«, betonte Kroemer. Koventionelle Ansätze wie »Essen Sie mehr Gemüse« oder »Machen Sie mehr Sport« seien jedoch komplett unattraktiv. Prävention müsse stärker personalisiert werden.
Eine besonders wichtige und wachsende Rolle nehmen aus seiner Sicht die Vor-Ort-Apotheken mit ihren pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL) ein. »Sie können moderne Prävention machen – niedrigschwellig und über ganz Deutschland verteilt. Ich glaube, dass Apotheken dazu beitragen können, Prävention tatsächlich in die Fläche zu bringen – was bisher im Gesundheitssystem noch nicht gelungen ist.«