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Immunseneszenz

Warum vor allem Ältere an Covid-19 sterben

Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Welche Zytokine im Alter überproduziert werden und in welchem Ausmaß das der Fall ist, hängt dabei offenbar auch vom Geschlecht ab. Das berichtete kürzlich ein Team um Dr. Eladio Márquez vom Jackson Laboratory for Genomic Medicine in Farmington, Conneticut, im Fachjournal »Nature Communications« (DOI: 10.1038/s41467-020-14396-9). Demnach verläuft die Immunseneszenz, die in diesem Fall anhand altersabhängiger Veränderungen im Epigenom gemessen wurde, nicht linear, sondern hat zwei Gipfel.

Der erste ist bei beiden Geschlechtern etwa gleich hoch und fällt in die späten 30er-Jahre, der zweite ist aber bei Männern stärker ausgeprägt und auch früher. Ab einem Alter von 65 Jahren nehmen die genetischen Unterschiede der Immunantwort dem Artikel zufolge zu, sodass ältere Männer eine stärkere Reaktion der angeborenen Immunabwehr und eine höhere Aktivität der proinflammatorischen Zytokine IL-6 und IL-18 zeigen als Frauen. Die Reaktion der adaptiven Immunabwehr fällt dagegen bei Männern im Alter noch schwächer aus als bei Frauen.

Die Unterschiede sind zwar nicht groß, aber vorhanden. Sie könnten eine Erklärung dafür liefern, dass Männer häufiger an Covid-19 erkranken und auch versterben als Frauen. Derzeit sind laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) 52 Prozent der Covid-19-Patienten in Deutschland Männer (Stand 8. April 2020). Von den an der Erkrankung Gestorbenen sind 62 Prozent Männer. Die Statistik des RKI bestätigt auch eindrücklich den Einfluss des Alters auf die Schwere des Krankheitsverlaufs: 86 Prozent der bislang 1607 Personen, die in Deutschland an Covid-19 gestorben sind, waren 70 Jahre und älter. Der Anteil der Unter-70-Jährigen an den Covid-19-Fällen beträgt dagegen nur 16 Prozent.

Schutz nur vorübergehend?

Gegenüber »Stat« weist Professor Dr. George Kuchel von der University of Connecticut, einer der Seniorautoren des Artikels in »Nature Communications«, noch auf einen weiteren Aspekt hin, der für ältere Menschen im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie einen Nachteil bedeuten könnte. Sie sind nämlich aufgrund der Immunseneszenz nach einer durchgemachten Covid-19-Erkrankung möglicherweise nur vorübergehend vor einer erneuten Infektion mit SARS-CoV-2 geschützt. Sollte das Virus weiter zirkulieren, könnten sich dann gerade diejenigen auch mehrfach damit infizieren, die am stärksten gefährdet wären.

Kuchel zieht einen Vergleich zur Influenza: Für den Grippeerreger hätten jüngere Menschen ein stärkeres Immungedächtnis als ältere. Ihre T- und B-Zellen reagierten schnell, wenn sie einem Influenzavirus, mit dem der Körper Jahrzehnte zuvor infiziert war, erneut begegneten. Falls die Immunantwort auf das neue Coronavirus derjenigen auf die Grippe ähnele, seien junge Menschen viel besser geschützt, falls das Virus zurückkehre.

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