| Daniela Hüttemann |
| 27.05.2026 20:10 Uhr |
Kammerpräsidentin Gabriele Regina von Elsenau Overwiening präsentierte in ihrem 1,5-stündigen Bericht nicht nur viele Zahlen, Daten und Fakten zu Apotheken, Arzneimittelmarkt und Reformvorhaben, sondern gab sich auch kämpferisch. / © PZ/Daniela Hüttemann
Die Anzahl der Apotheken kannte in den vergangenen Jahren nur einen Weg: nach unten. Allein in den vergangenen zwei Jahren gingen rund tausend Betriebe vom Netz. Im ersten Quartal 2026 waren es 60 Schließungen – vergleichsweise etwas weniger als in den Quartalen zuvor. Zum 31. März gab es noch 16.541 Apotheken vor Ort. Verglichen mit dem Höchststand von 2008 gibt es fast ein Viertel weniger Apotheken (minus 23,2 Prozent).
»Man hat uns ausbluten lassen«, so Kammerpräsidentin Gabriele von Elsenau Overwiening bei der Delegiertenversammlung am Mittwoch in Münster. Das habe nichts mit einer Marktbereinigung zu tun, verdeutlichte sie angesichts der gesunkenen Apothekendichte. Diese liegt in der EU bei 31 Apotheken pro 100.000 Einwohner. Deutschland ist hier in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgestiegen, auf aktuell nur noch 20 Apotheken pro 100.000 Einwohner.
Der Trend macht auch vor Westfalen-Lippe nicht halt. Hier erhöhe sich sogar das Tempo des Rückgangs seit 2021, berichtete von Elsenau Overwiening. Im Kammerbezirk sank die Zahl von 2024 auf 2025 um 41 Apotheken auf 1613, und es zeichne sich bereits ab, dass die Zahl in diesem Jahr unter 1600 sinken wird.
Durch die »Kannibalisierung« steigen zwar die durchschnittlichen Umsätze, doch für die restlichen Apotheken blieben deutlich mehr Risiko, Arbeit und Verantwortung bei weniger Ertrag, zumal die Verantwortung auf immer weniger Schultern, sprich Inhaberinnen und Inhabern liegt.
Eine Trendwende sieht von Elsenau Overwiening nicht, auch wenn sie darauf hofft. Womöglich bringe die viel zu langsam konkreter werdende Honorarerhöhung einige dazu, unter weiterer Selbstausbeutung noch durchzuhalten – »Warten auf Warken« titelte von Elsenau Overwiening mit Blick auf die mehrfach wiederholten Versprechungen von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU).
Mit der Apothekenreform sei es wie mit einer Netflix-Serie in mehreren Staffeln – immer wieder ein Cliffhanger. Man möchte wegschauen, aber hofft doch insgeheim auf ein Happy End. Vergangenen Freitag ging nun das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) in zweiter und dritter Lesung durch den Bundestag, am 12. Juni soll es durch den Bundesrat und dann womöglich am 1. Juli in Kraft treten. Die versprochene Honorarerhöhung ist dort bekanntlich nicht enthalten. Diese soll über eine Verordnung geregelt werden. Es sei jedoch geplant, diese parallel zu verwirklichen, informierte die Kammerpräsidentin
Dabei kommen die versprochenen 9,50 Euro allerdings gestaffelt: Eine erste Erhöhung auf 9,00 Euro hoffentlich zum 1. Juli und auf 9,50 Euro zum Jahreswechsel. Sehr großer Wermutstropfen ist die 30 Cent Abschlagerhöhung zugunsten der Krankenkassen, die ebenfalls zum 1. Januar 2027 kommen soll. Über künftige Honoraranpassungen sollen dann ab 2027 der GKV-Spitzenverband und der Deutsche Apothekerverband (DAV) verhandeln. Auch das soll mit der Verordnung geregelt werden.
Angst macht den Apotheken die geplante Erhöhung der Arzneimittelzuzahlung für die Patienten um 50 Prozent, also von den bisherigen 5 bis 10 Euro auf 7,50 Euro bis 15 Euro. Durch das E-Rezept nimmt der Wachstumsanteil im Rx-Bereich Fahrt auf. Der Anteil an vom Versandhandel belieferten Rx-Packungen lag zwar zuletzt noch im niedrigen Bereich, stieg aber von einem Umsatzanteil von 1,4 auf 2,0 Prozent vergleichsweise sehr deutlich.
Befeuert werden könnte diese Dynamik durch die erhöhten Zuzahlungen, locken die ausländischen Versandhändler doch weiterhin ungestraft mit Erlass der Zuzahlung. Den Patienten könne man da nur schwer einen Vorwurf machen, hier müsse die Politik ran. Vor allem pocht die ABDA auf eine Stärkung der sogenannten Paritätischen Stelle aus GKV und DAV, die theoretisch Verstöße ahnden kann, aber aufgrund unklarer Haftungsfragen bislang nicht aktiv wird. Es könne doch nicht sein, dass der Staat hier nicht selbst für die Durchsetzung seiner Gesetze sorge, verdeutlichte von Elsenau Overwiening.
Generell ging Overwiening mit der mangelnden Transparenz und Verlässlichkeit der Bundespolitik hart ins Gericht. So würden die Leistungserbringer als Kostentreiber dargestellt, während der Staat bei Arzneimitteln doch mit dem vollen Mehrwertsteuersatz auch gut »ins Klingbeilbeutelchen« verdiene und sich Steuereinnahmen durch die ausländischen Versandapotheken entgehen lässt. Das Landesgesundheitsministerium NRW stehe dagegen hinter den Apotheken. Wichtig sei jedoch bei allen Gesprächen, hart in der Sache zu bleiben, aber nicht persönlich zu werden, um etwas zu erreichen.
Es bleibe wichtig, der Politik immer wieder klarzumachen, was mit jeder einzelnen geschlossenen Vor-Ort-Apotheke verloren geht. »Es geht um die Versorgung der Menschen und den Erhalt von Infrastruktur. Die Apotheken sind wohnortnahe Anlaufstellen, wo sie mit hoher Expertise und Empathie versorgt werden«, so von Elsenau Overwiening.
Unbestritten positiv seien die mit dem ApoVWG geplanten Kompetenzerweiterung, neuen Aufgaben und pharmazeutischen Dienstleistungen. »Bitte verlieren Sie nicht die Nerven! Egal was kommt, wir werden etwas Gutes daraus machen«, versprach von Elsenau Overwiening.
Sie sieht die geplanten Änderungen wie vermehrtes Impfen, den New Medicine Service oder die Abgabe von Rx-Präparaten ohne ärztliche Verordnung in bestimmten Fällen noch nicht als vorläufiges Ende, sondern Fundament für die Weiterentwicklung der Apotheken und Schärfung des Heilberufs.
Sie appellierte an die Apothekerinnen und Apothekern, diese Möglichkeiten auch wahrzunehmen. Man könne sich jetzt schon darauf vorbereiten, indem man die bereits bestehenden pDL vermehrt anbietet und Workflows etabliert, damit es leichter fällt, das Spektrum zu erweitern. Das sei viel mehr als nur ein Add-on. »Wenn wir es richtig anpacken, können wir das, was da herauskommt, selbst noch zum Wachsen bringen.«
Durch die neuen Aufgaben könnte sich die Kontur des Apothekenberufes und vor allem seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verschieben, weg von der Abgabe einzelner Packungen (natürlich mit Beratung), hin zu einer umfassenden patientenorientierten Versorgung. »Wir können damit auch helfen, das System zu stabilisieren.«