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Die Zukunft von Corona

Von der Pandemie zur Endemie

SARS-CoV-2 entwickelt sich weiter – aber wie?

SARS-CoV-2 entwickelt sich weiter – aber wie?

Klar ist, dass sich das Virus weiterentwickelt und zunehmend die Immunantwort unterläuft. Wie die weitere Evolution ablaufen könnte und ob eventuell regelmäßige Auffrischimpfungen nötig werden, hat ein Team um Dr. Wendy K. Jó von der Berliner Charité untersucht. Hierfür analysierte es die Evolution der humanen Erkältungs­coronaviren 229E und OC43 und verglich diese mit der von Influenzaviren, die sich bekanntlich rasch wandeln und für die die Impfstoffe daher regelmäßig ­angepasst werden müssen. Die Ergebnisse sind im Fachjournal »Virus Evo­lution« veröffentlicht (DOI: 10.1093/ve/veab020).

Die Stammbäume der beiden untersuchten Coronaviren wie auch der Grippeviren zeigten eine Leiterform, die darauf hinweise, dass regelmäßig eine zirkulierende Variante durch eine fittere ersetzt wird. »Das ist ein Hinweis auf eine sogenannte Antigendrift, also eine kontinuierliche Veränderung der Oberflächenstrukturen, durch die Viren sich der menschlichen Immunreaktion entziehen«, schreibt Jó in einer Mitteilung der Universität.

Die heimischen Coronaviren »entfliehen« dem Immunsystem also ebenso wie Grippeviren, allerdings nicht so schnell. Während sich in der Influenza-Sequenz pro Jahr 25 Muta­tionen pro 10.000 Erbgut-Bausteinen ansammelten, waren es bei den Coronaviren nur etwa sechs Mutationen. Für SARS-CoV-2 liege die geschätzte Geschwindigkeit bei zehn Mutationen pro 10.000 Basen pro Jahr, könne aber abnehmen.

Die noch hohe Mutationsrate führen die Charité-Forscher auf das starke Infektionsgeschehen in der Pandemie zurück – bei vielen Infektionen weltweit hat das Virus auch viele Möglichkeiten zu mutieren. Mit Rückgang des Infektionsgeschehens könne die Mutationsrate abnehmen, vermuten die Forscher, sodass die Covid-19-Impfstoffe in der Pandemie eventuell noch an Va­rianten angepasst werden müssen, während sie in der endemischen Phase vermutlich länger verwendet werden können.

Ungleiche Ver­teilung der Impfstoff­e gefährdet alle

In diesem Zusammenhang kritisierte Wellcome-Trust-Chef Farrar im Guar­dian auch die ungleiche globale Impfstoffverteilung: Je länger das Corona­virus durch ungeimpfte Populationen weltweit laufen könne, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Mutanten entstehen. Der fehlende politische Wille, die gesamte Welt und nicht nur die eigene Bevölkerung mit Impfstoff zu versorgen, »verlängere die Pandemie für alle«, so Farrar.

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