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Britische SARS-CoV-2-Variante

Variante B.1.1.7 wohl tatsächlich tödlicher

Weiter bereiten die unterschiedlichen SARS-CoV-2-Varianten Sorgen. Jetzt wurde berichtet, dass die britische Variante B.1.1.7 nicht nur deutlich ansteckender ist als das Ausgangsvirus, sondern auch vermutlich mit einer erhöhten Mortalität assoziiert ist.
Theo Dingermann
16.02.2021  15:00 Uhr

Bereits am 21. Januar hatten die britischen Expertengremien NERVTAG (New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group ) und SAGE (Scientific Advisory Group for Emergencies) darauf hingewiesen, dass erste Hinweise vorlägen, wonach mit der SASR-CoV-2-Variante B.1.1.7 ein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe und für eine erhöhte Mortalität assoziiert sein könnten. Jetzt kommuniziert NERVTAG aktualisierte und zusätzliche Analysen, die die anfänglichen Befürchtungen bestätigen.

Um zuverlässige Aussagen zur Infektiosität und Pathogenität der B.1.1.7-Variante machen zu können, muss eine Infektion mit dieser Mutante zweifelsfrei sichergestellt sein. Dazu verwendet man die für diese Variante charakteristische Spike-Δ69/70-Deletion als Marker. Der Nachweis dieser Mutation lässt sich über eine angepasste RT-PCR-Analyse sehr einfach führen. Bei der Analyse fehlt eine sonst typische Bande, weshalb man das Ergebnis des Tests auch als »Spike Gene Target Failure (SGTF)« bezeichnet.

In zwei unveröffentlichte Arbeiten, eine von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und eine vom Imperial College London, wird über eine erhöhte Fallsterblichkeitsrate bei Personen mit einem SGTF-RT-PCR-Ergebnis berichtet. In einem »News«- Beitrag des »British Medical Journal« vom 26. Januar wird aus einem Briefing-Dokument zitiert: »Basierend auf diesen Analysen besteht die realistische Möglichkeit, dass eine Infektion mit B.1.1.7 mit einem erhöhten Sterberisiko im Vergleich zu einer Infektion mit dem Ausgangsvirus verbunden ist.«

Weitere Analysen erforderlich

Allerdings schränkt die NERVTAG ein, dass weitere Analysen erforderlich seien, da die Daten eine relativ kleine Anzahl von Personen beträfen (etwa 8 Prozent der gesamten Todesfälle, die während des Studienzeitraums auftraten) und keine Daten über Krankenhauseinweisungen enthielten.

Im Rahmen eines Briefings des »Science Media Centre« am 25. Januar sagte Dr. Peter Horby, Professor für neu auftretende Infektionskrankheiten an der Universität Oxford und Vorsitzender von NERVTAG: »Bisher zeigen die Analysen, dass die Sterberate, bei Personen mit der B.1.1.7-Variante höher ist als bei Personen mit anderen Virusvarianten. Aber wir konnten bisher nicht nachweisen, dass die Rate von Krankenhausaufenthalten oder die Rate an Todesfällen während der Hospitalisierung bei Patienten, die mit der Virusvariante infiziert wurden, erhöht ist. Zur Beantwortung dieser Fragen sind weitere Studien erforderlich.«

Ergebnisse ernst nehmen

Obwohl also noch nicht alle Fragen geklärt sind, sollten die Ergebnisse dennoch durchaus ernst genommen werden. Die Analyse der London School of Hygiene and Tropical Medicine basierte auf 3382 Todesfällen unter 1 Millionen getesteten Personen; 1722 Todesfälle betrafen Patienten mit einem positiven SGTF-Ergebnis. Das relative Risiko, innerhalb von 28 Tagen nach einem Test zu sterben, betrug für die positiv auf die B.1.1.7-getesteten Patienten 1,71. Es war also im Vergleich zu Patienten, die mit dem Ausgangsvirus infiziert waren, um 71 Prozent erhöht. Die Studie des Imperial College London ergab ein ähnliches relatives Risiko von 1,65.

Es werden in dem Bericht noch etliche weitere Studien erwähnt, die alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Dabei waren die Analysen aller Studien hinsichtlich Alter, Ort, Zeit und andere Variablen abgeglichen.

Den Bericht kommentiert Professor Dr. David Spiegelhalter, Vorsitzender des Winton Centre for Risk and Evidence Communication an der Universität Cambridge: »Die Basisrisiken steigen mit dem Alter steil an, sodass die neue Variante für die 80-Jährigen das durchschnittliche Sterberisiko von 8 Prozent auf etwa 10 Prozent und für die 90-Jährigen von etwa 20 Prozent auf 27 Prozent erhöhen würde. Das ist ein gewaltiger Anstieg. Aber auch für die 40-Jährigen steigt das Sterberisiko von etwa 1 zu 500 auf 1,3 zu 500 und für die 20-Jährigen von 1 zu 3000 auf 1,3 zu 3000.«

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