| Laura Rudolph |
| 05.06.2026 15:30 Uhr |
Bis zu 90 Prozent der Schwangeren leiden unter Übelkeit und Erbrechen, bis zu 2 Prozent unter der schweren Form Hyperemesis gravidarum. / © Getty Images/Ekaterina Demidova
Welche Arzneistoffe und pflanzlichen Alternativen bei Reisekrankheit oder Schwangerschaftsübelkeit infrage kommen und wo die Grenzen der Selbstmedikation liegen, erläuterte Dr. Christian Ude, Inhaber der Stern Apotheke in Darmstadt und Präsident der LAK Hessen, beim Pharmacon in Meran.
Schwangerschaftsübelkeit ist weit verbreitet, betonte Ude. Je nach Erhebung seien ein Drittel bis über 90 Prozent der Schwangeren betroffen. Zur symptomatischen Therapie sind Arzneimittel mit der Fixkombination aus Doxylamin und Pyridoxin (Vitamin B6) zugelassen. Sie gibt es allerdings nur auf Rezept.
Der OTC-Klassiker Dimenhydrinat ist bei Schwangerschaftserbrechen dagegen nicht zugelassen. Hier sei auf eine strenge Indikationsstellung zu achten und der Arzneistoff, wenn überhaupt, nur zu Beginn der Schwangerschaft einzusetzen, so der Referent.
Zur Prävention und Behandlung der Kinetose kommen etwa Diphenhydramin und Dimenhydrinat infrage. Ein Cochrane-Review habe gezeigt, dass Antihistaminika einer Kinetose wirksamer vorbeugen im Vergleich zu Placebo. Für bereits bestehende Beschwerden bleibe die Evidenz hingegen unklar. »Idealerweise wartet man nicht, bis Windstärke 7 auf der Ostsee herrscht«, sagte Ude.
Zu berücksichtigen seien außerdem Grunderkrankungen und ob der Patient weitere anticholinerge Arzneimittel einnimmt. Bei Erbrechen ist es zudem sinnvoll, verlorene Mineralstoffe durch Elektrolytlösungen zu ersetzen.
Dr. Christian Ude / © PZ/Alois Müller
Ude stellte auch die HMPC-Monographie zu Ingwer (Zingiber officinale) vor. Mit dem Evidenzgrad »Well-established Use« werden die gepulverte Droge oder Extrakte zur Prävention von Übelkeit und Erbrechen bei Kinetose eingesetzt. Es gibt neben Extrakten und Destillaten, die unter die evidenztechnisch schwächere Kategorie »Traditional Use« fallen, auch ein zugelassenes Arzneimittel mit 250 mg Ingwerwurzelstock-Pulver pro Kapsel, um den Symptomen der Kinetose vorzubeugen.
Fünf klinische Studien zu Ingwer bei Reisekrankheit, die allerdings älteren Datums sind, hätten kontroverse Ergebnisse geliefert, berichtete Ude. In vier Studien habe sich Ingwerpulver als wirksam erwiesen.
Darüber hinaus gebe es mehrere placebokontrollierte Studien, die nahelegen, dass Ingwer in frühen Phasen der Schwangerschaft Übelkeit verbessert. Zugelassen ist das Fertigarzneimittel mit Ingwerwurzelstockpulver jedoch ausschließlich für die Indikation Kinetose. »Da stellt sich natürlich die Frage: Darf, soll und kann ich es auch in der Schwangerschaft einsetzen?«
Zur Einordnung verwies Ude auf die Datenbank von Embryotox, dem Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Berliner Charité. Dort heißt es: »Ingwer, Akupunktur oder -pressur und Vitamin B6 (Pyridoxin) scheinen die Übelkeit zu reduzieren, wirken sich jedoch nicht auf das Erbrechen aus.«
Ingwer könne in allen Phasen der Schwangerschaft in üblicher Dosierung eingenommen werden. Auch in der Stillzeit scheint Ingwer laut Embryotox akzeptabel, könne jedoch bei der Mutter zu einer gesteigerten Milchproduktion führen.
Trotz wirksamer Therapieoptionen hat die Selbstmedikation klare Grenzen. Halten Übelkeit und Erbrechen länger als drei Tage an oder treten kolikartige Krämpfe, akute Schmerzen, starke Durchfälle oder Blut im Stuhl auf, gehört der Patient in ärztliche Behandlung. Gleiches gilt bei Erbrechen von Blut oder Gallenflüssigkeit, sehr hohem Fieber oder einem schlechten Allgemeinzustand.
»Bei kleinen Kindern ist Erbrechen ohne Ursache an sich ein Fall für den Kinderarzt«, so Ude. »Allerdings wissen alle, die Kinder haben, dass diese auch manchmal einfach nur zu heftig gehustet haben, da sollte man es dann auch nicht übertreiben.«