| Theo Dingermann |
| 28.07.2026 18:00 Uhr |
Der Fall erinnert viele Experten an den Tod von Jesse Gelsinger im Jahr 1999, der die Gentherapie weltweit zu grundlegenden Reformen zwang. Anders als damals blieb der chinesische Vorfall jedoch nahezu vollständig verborgen. Genau darin sehen Bioethiker und Gentherapie-Experten das eigentliche Problem: Innovative First-in-Human-Studien leben vom offenen Umgang mit Rückschlägen. Werden schwerwiegende unerwünschte Ereignisse verschwiegen oder nur unvollständig dokumentiert, leidet nicht nur das Vertrauen in einzelne Projekte, sondern in das gesamte Feld der Geneditierung.
Der Bericht in »Science« macht deutlich, dass die rasante Entwicklung präziser Geneditierungsverfahren inzwischen schneller voranschreitet, als vielerorts die regulatorischen und ethischen Kontrollmechanismen. Basen-Editierung gilt weiterhin als eine der vielversprechendsten Technologien der Präzisionsmedizin.
Kurzfristig erwies sich diese Therapie beim Baby KJ in den USA auch bereits als erfolgreich. Allerdings gab es damals wichtige Unterschiede zu der aktuell in China vorgenommenen Therapie, auf die Dr. Julian Grünewald, Professor für Gene Editing an der Technischen Universität München (TUM), in der Veranstaltung des Science Media Centers hinwies: Beim Baby KJ wurde der Basen-Editor in Form einer mRNA eingesetzt und nicht in Form von DNA, wie bei der gescheiterten Therapie in China. Zudem wurde das betroffene Gen in der Leber und nicht im Zentralnervensystem editiert.
Gentherapie, so auch das Resümee der vom Science Media Center befragten Experten, wird sich langfristig durchsetzen. Der Erfolg wird jedoch nicht allein von molekularbiologischer Präzision abhängen, sondern ebenso von Transparenz, unabhängiger Kontrolle und einer kompromisslosen Sicherheitskultur.