| Brigitte M. Gensthaler |
| 07.04.2026 07:00 Uhr |
Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen wie Morbus Basedow leiden häufig auch an Augenbeschwerden wie hervortretenden Augäpfeln. Das kann Sehstörungen und erhebliche Beschwerden hervorrufen. / © Adobe Stock/Andriy Blokhin
Zugelassen ist Teprotumumab (Tepezza® 500 mg Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Amgen) zur Behandlung einer mittelschweren bis schweren endokrinen Orbitopathie bei Erwachsenen. Eine endokrine Orbitopathie (EO) ist bei sehr vielen Patienten mit der Schilddrüsenerkrankung Morbus Basedow nachweisbar (Kasten).
Die empfohlene Dosis beträgt initial 10 mg/kg Körpergewicht (KG), gefolgt von sieben weiteren Dosen mit 20 mg/kg KG im Abstand von jeweils drei Wochen als intravenöse Infusion. Die gesamte Therapie dauert also 24 Wochen. Bei den ersten beiden Infusionen wird die Lösung über mindestens 90 Minuten infundiert. Treten Infusionsreaktionen auf, sollte der Patient eine Prämedikation mit einem Antihistaminikum, Antipyretikum und/oder Corticosteroid bekommen. Bei guter Verträglichkeit können die Infusionen 3 bis 8 über jeweils 60 Minuten appliziert werden.
Teprotumumab ist ein vollständig humaner monoklonaler IgG1-Antikörper. Er bindet am Rezeptor für IGF-1R (Insulin-ähnlicher Wachstumsfaktor-Rezeptor 1) und blockiert dessen Aktivierung und Signalgebung. Die Überexpression des IGF-1-Rezeptors in den retrobulbären Fibroblasten und den B- und T-Zellen soll eine zentrale Rolle bei der Orbitopathie spielen. Die IGF-1R-Blockade soll Entzündungen, den Umbau von Muskel- und Fettgewebe sowie die Ausdehnung des Gewebes hinter dem Auge reduzieren.
Eine endokrine Orbitopathie (EO) geht oft mit einer Störung der Schilddrüsenfunktion einher und ist bei sehr vielen Patienten mit Morbus Basedow nachweisbar. Es ist eine Autoimmunerkrankung der Orbita (Augenhöhle), bei der es zur Entzündung und Volumenvermehrung von Muskeln, Fett- und Bindegewebe um und hinter dem Auge kommt. Ödeme, Schwellungen und Gewebewucherungen drängen den Augapfel zunehmend aus der Augenhöhle: Die Augen treten hervor (Exophthalmus, Proptosis). Die Betroffenen klagen häufig über Trockenheit, Druck- und Fremdkörpergefühl im Auge, Augenschmerzen und das Sehen von Doppelbildern. In schweren Fällen drohen Sehnervenschäden und Sehverlust.
Die Erkrankung verläuft in aktiven und inaktiven Phasen. Eine aktive Erkrankung erfordert meist eine systemische immunmodulatorische Therapie, zum Beispiel mit Prednisolon-Infusionen oder Immunsuppressiva (off Label). Auch Antikörper gegen am Entzündungsprozess beteiligte Rezeptoren wie Rituximab (Anti-CD20), Tocilizumab (Anti-Interleukin-6-Rezeptor) und Teprotumumab (Anti-IGF-1R) werden eingesetzt.
Mitunter sind eine Radiojodtherapie oder Schilddrüsen-Operation erforderlich, um die Schilddrüsenwerte zu normalisieren. Da Rauchen die EO sowie die Behandlungserfolge verschlechtern kann, sollten Patienten das Rauchen beenden.
Die Wirksamkeit und Sicherheit von Teprotumumab wurden in vier randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studien bei 287 Patienten geprüft. In allen Studien erhielten sie acht intravenöse Infusionen mit Teprotumumab, anfangs mit einer Dosis von 10 mg/kg, danach alle drei Wochen mit 20 mg/kg. Es wurde immer nur ein Auge pro Person (Studienauge) untersucht.
In die Studien TED01RV, OPTIC und OPTIC-J wurden 225 Patienten ab 18 Jahren mit aktiver EO eingeschlossen, davon erhielten 111 Patienten Teprotumumab und 114 Patienten Placebo. Der mittlere Zeitraum seit Diagnose betrug 5,7 Monate, das mittlere Exophthalmus-Ausmaß beim jeweiligen Studienauge 22,52 mm und der Clinical Activity Score (CAS) im Mittelwert 5,0. Der CAS ist ein Maß für die klinische Aktivität, zum Beispiel Entzündungszeichen und Sehbeschwerden.
Der primäre Endpunkt der Phase-II-Studie TED01RV (DOI: 10.1056/NEJMoa1614949) war die Responder-Gesamtrate, definiert als Prozentsatz der Teilnehmer mit einer CAS-Reduktion um ≥ 2 Punkte und einer Exophthalmus-Reduktion um ≥ 2 mm beim jeweiligen Studienauge sowie keine Verschlechterung des CAS oder des Exophthalmus beim anderen Auge. Nach 24 Wochen sprachen 69 Prozent der Patienten auf das Verum an und 20 Prozent auf Placebo. Nach 48 Wochen ohne Behandlung blieb der Response in der Teprotumumab-Gruppe bei fast der Hälfte der Patienten erhalten, 38 Prozent hatten ein Rezidiv.
In den Phase-III-Studien OPTIC (DOI: 10.1056/NEJMoa1910434) und OPTIC-J (DOI: 10.1016/j.lanwpc.2025.101464) war der primäre Endpunkt ebenfalls die Responderrate in Woche 24, definiert als Anteil der Patienten mit einer Exophthalmus-Reduktion um ≥ 2 mm beim Studienauge ohne Verschlechterung beim anderen Auge. In diesen Studien lagen die Responderraten bei 83 und 89 Prozent gegenüber 10 und 11 Prozent unter Placebo. Auch hier gab es einen Langzeiteffekt. In der behandlungsfreien 48-wöchigen Nachbeobachtungszeit trat bei knapp 30 Prozent der Responder ein Rezidiv auf. Von den als Responder bewerteten Patienten behielten 90 Prozent diesen Status bis Woche 72 bei.
In die Studie HZNP-TEP-403 wurden 62 Patienten mit chronischer EO eingeschlossen und die Veränderung des Exophthalmus nach 24 Wochen untersucht. Unter Verum zeigte sich eine durchschnittliche Exophthalmus-Reduktion von 2,4 mm, verglichen mit 0,9 mm unter Placebo.
Die häufigsten Nebenwirkungen waren Muskelkrämpfe, Magen-Darm-Probleme, Alopezie, Hyperglykämie, Fatigue und Kopfschmerzen. Zu den wichtigsten schwerwiegenden Nebenwirkungen zählten Diabetes mellitus (2,6 Prozent), Taubheit (1,3 Prozent) sowie Schallleitungsschwerhörigkeit, einseitige Taubheit, diabetische Ketoazidose, Diarrhö, Infusions-assoziierte Reaktionen und entzündliche Darmerkrankung.
Teprotumumab kann schwere Hörschäden mit Hörminderung bis zum -verlust hervorrufen, die bei manchen Patienten anhalten können. Die Patienten sollen bei Anzeichen eines veränderten Hörens unverzüglich zum Arzt gehen.
Liegen bereits Hörschäden vor, können sich diese während oder nach der Therapie mit Teprotumumab verschlechtern. Hier sind Nutzen und Risiko der Behandlung gegeneinander abzuwägen. Zudem ist Vorsicht geboten bei gleichzeitiger Anwendung von ototoxischen Medikamenten, zum Beispiel Aminoglykosiden, Vancomycin, platinhaltigen Chemotherapeutika oder Schleifendiuretika, da ein potenzielles Risiko für additive hörschädigende Effekte besteht.
Ebenso ist auf den Blutzucker zu achten, da unter Teprotumumab eine Hyperglykämie auftreten kann. Laut Fachinformation müssen die Blutzuckerwerte vor und während der Therapie überwacht werden. Patienten mit Hyperglykämie oder Diabetes müssen unter angemessener glykämischer Kontrolle stehen. Die Glucosewerte im Blut sind nach Abschluss der Behandlung noch sechs Monate lang zu überwachen.
Teprotumumab kann zudem eine Exazerbation einer entzündlichen Darmerkrankung hervorrufen. Dann muss das Absetzen der Therapie erwogen werden. Patienten mit einer entzündlichen Darmerkrankung sind bezüglich eines Erkrankungsschubs zu überwachen. Aus klinischen Studien waren sie ausgeschlossen.
In der Schwangerschaft ist das Medikament kontraindiziert. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung mit Teprotumumab und für mindestens sechs Monate nach der letzten Dosis eine effektive Verhütungsmethode anwenden. Aus Vorsichtsgründen soll eine Anwendung während der Stillzeit vermieden werden.
Mit Teprotumumab gelangte eine wahre Sprunginnovation für die Behandlung der endokrinen Orbitopathie auf den deutschen Markt. Das Wirkprinzip stellt einen deutlichen Fortschritt gegenüber bisherigen pharmakologischen Therapieansätzen dar, die überwiegend unspezifisch entzündungshemmend wirken, etwa Glucocorticoide. Erstmals steht mit dem neuen Antikörper nun eine zielgerichtete Behandlung zur Verfügung, die direkt in die Pathophysiologie der Erkrankung eingreift.
Teprotumumab setzt gezielt an einem zentralen pathophysiologischen Mechanismus der Erkrankung an. Der Antikörper blockiert den Insulin-ähnlichen Wachstumsfaktor-1-Rezeptor (IGF-1R), der gemeinsam mit dem TSH-Rezeptor eine wichtige Rolle bei der Aktivierung orbitaler Fibroblasten und der krankheitsbedingten Gewebeveränderung spielt. Durch die Hemmung dieses Signalwegs können entzündliche Prozesse reduziert sowie der Umbau von Muskel- und Fettgewebe im Orbitalbereich begrenzt werden.
Die klinischen Studienergebnisse unterstreichen das therapeutische Potenzial dieses Ansatzes. In kontrollierten Studien zeigte Teprotumumab signifikante Verbesserungen zentraler Krankheitsparameter, insbesondere eine deutliche Reduktion des Exophthalmus sowie Verbesserungen von Diplopie, Schmerzen und Entzündungsgeschehen. Klinische Effekte wurden teilweise bereits innerhalb weniger Wochen beobachtet und den Daten zufolge nützt die Behandlung vielen Betroffenen auch langfristig.
Beim Einsatz von Teprotumumab gibt es aber auch mögliche Nebenwirkungen zu bedenken. In der Fachinformation finden sich beispielsweise spezielle Warnhinweise hinsichtlich einer möglichen Hörstörung, einer Hyperglykämie und einer Exazerbation einer vorbestehenden entzündlichen Darmerkrankung.
Werden die Warnhinweise beachtet und die Patienten gut ausgewählt und gemonitort, so dürfte der neue Antikörper für viele Betroffene einen wichtigen Therapiefortschritt bedeuten. Denn Diplopie und orbitale Schmerzen beeinträchtigen nicht nur den Alltag der Erkrankten, der Exophthalmus kann zudem auch zu sozialer Isolation und starken psychischen Belastungen führen.
Sven Siebenand, Chefredakteur