| Barbara Döring |
| 18.09.2026 09:30 Uhr |
Teenager reagieren impulsiver als Erwachsene – das hilft ihnen offenbar, ihren Platz unter Gleichaltrigen zu finden. / © Getty Images/StockPlanets
Wenn Erwachsene darauf bestehen, Ungerechtigkeiten zu ahnden oder selbst ihr Recht einzufordern, gelten sie im positiven Sinne als Menschen mit Prinzipien. Reagiert dagegen ein Fünfzehnjähriger auf Beleidigungen auf dem Schulhof mit körperlicher Gegenwehr und riskiert damit Nachsitzen, würden Erwachsene sein Verhalten als mangelnde Fähigkeit bezeichnen, vorausschauend zu denken. Mit diesem Beispiel verdeutlicht Dr. Evelyn Svingen, Außerordentliche Professorin für Kriminalität an der University of Birmingham, wie das jugendliche Gehirn im Allgemeinen von Erwachsenen missverstanden wird. Die Gehirnfunktion eines Teenagers sei keinesfalls unausgereift, sondern evolutionär für die einzigartige und herausfordernde Lebensphase geprägt, schreibt die Autorin auf der Wissenschaftsplattform »The Conversation«.
Schon Säuglinge im Alter von acht Monaten mögen Menschen lieber, die sich anderen gegenüber gut verhalten. Die Bereitschaft, jemanden für ungerechtes Verhalten zu bestrafen, wird mit zunehmendem Alter immer stärker, so die Kriminalistin. Sich an jemandem zu rächen, empfinde das Belohnungssystem des Gehirns als besonders angenehm.
Bestrafung sei einer der Mechanismen, die es Menschen ermöglichen, zusammenzuarbeiten. Bliebe ein Betrug ungesühnt, könnte eine Gruppe aufhören, zu kooperieren. Das Gehirn des Teenagers, der auf dem Schulhof zurückschlägt, läuft demnach auf einem evolutionär alten Programm. In den Teenagerjahren wird das Belohnungssystem zunehmend reaktionsfähiger, bis es in der Mitte der Adoleszenz einen Höhepunkt erreicht. Dagegen entwickelt sich der präfrontale Kortex, der dafür sorgt, Impulse zu hemmen, statt ihnen sofort nachzugeben, auch noch im dritten Lebensjahrzehnt weiter. Die Stärke des Belohnungsimpulses sei bei Teenagern aus guten Gründen heftiger.
In der Jugend muss sich ein Mensch von seiner Familie lösen und seinen Platz unter Gleichaltrigen finden, schreibt Svingen. Ein Gehirn, das stark darauf geeicht ist, Belohnungen zu empfinden, das intensiv wahrnimmt, was andere denken, und seinen Ruf verteidigen will, ist für diese Aufgabe bestens geeignet. Teenager seien deshalb auch besonders empfindlich, wenn Gleichaltrige sie beurteilten oder von sich ausgrenzten. Heranwachsende würden abwägen, was zu tun ist, um im sozialen Gefüge ihren Platz zu finden. Erwachsene unterschätzten, was es für die Heranwachsenden bedeute, ihren sozialen Stand zu verlieren.
Ein Gehirn, das so empfindlich reagiert, wird stark von seiner Umgebung geformt. Aufgrund der erhöhten Sensibilität bezeichnen Forschende das Heranwachsen deshalb auch als Zeitfenster der Möglichkeiten. Eine Umgebung, die auf Fairness setzt und Menschen mit Respekt behandelt, präge Jugendliche. Vertraut ein Teenager darauf, dass Gerechtigkeit herrscht, dämpfe dies sein Bedürfnis nach Vergeltung, sodass sich der impulshemmende präfrontale Kortex stärker ausbilden kann. Für den Streit auf dem Schulhof könnte das bedeuten, dass geschulte Mitarbeitende beiden Parteien vermitteln und sicherstellen, dass beide Seiten Gehör bekommen und dabei eine für beide akzeptable Lösung herauskommt.