| Jennifer Evans |
| 03.08.2026 07:00 Uhr |
Angespannt: Der Geist reagiert oft mit alten Instinkten. Doch sie passen kaum in eine Welt, die schneller, dichter und lauter geworden ist. / © Getty Images/Westend61
Die Welt um uns verändert sich schneller, als die menschliche Biologie mithalten kann. Darauf weisen Jose Yong, Dozent an der James Cook University in Singapur, und Dr. Sarah Chan, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lee Kuan Yew Centre for Innovative Cities der Singapore University of Technology and Design (SUTD), in einer Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift »Behavioral Sciences« hin. Diese wachsende Diskrepanz könnte erklären, warum viele Menschen sich gestresst oder einsam fühlen und sich ständig vergleichen müssen.
Die Forschenden sprechen von evolutionärer Diskrepanz, von Instinkten, die über Jahrtausende in kleinen, eng verbundenen Gemeinschaften entstanden sind und heute in völlig anderen Umgebungen funktionieren müssen. Früher deuteten Menschen demnach Gefahren, Zugehörigkeit, Status und Vertrauen anhand nonverbaler Signale im direkten Kontakt mit vertrauten Personen.
Heute wenden wir dieselben Muster automatisch in dicht besiedelten Städten, auf digitalen Plattformen und in komplexen sowie ungleichen Gesellschaften an. Was einst sinnvoll erschien, wirke nun oft fehl am Platz – und hinterlasse innere Verwirrung und Überforderung, heißt es in einer SUTD-Mitteilung.
Am Beispiel sozialer Medien beschreibt das Autorenteam, wie der frühere Drang, den eigenen Platz innerhalb einer Gruppe zu verstehen, Vertrauen und Zusammenarbeit unter bekannten Personen stabilisiert hat. Heute könnte derselbe Instinkt jedoch durch einen endlosen Strom inszenierter Lebensentwürfe, Errungenschaften und Statussymbole ausgelöst werden. Moderne Umgebungen könnten das Gefühl verstärken, dass andere uns beurteilten, überträfen oder hinter sich ließen, so Yong und Chan.
Die evolutionäre Perspektive könnte daher erklären, warum wir so empfindlich auf Vergleiche reagieren und Angst haben, zurückzufallen – selbst wenn die Auslöser nur von Fremden oder von Bildschirmen stammen, so Yong. Die innere Anspannung entsteht also nicht aus persönlichem Versagen, sondern aus einem Umfeld, das alte Muster immer wieder neu aktiviert. Deshalb, so die Forschenden, müssten Städte, Arbeitsplätze, digitale Plattformen und Gemeinschaften Teil der Lösung sein, wenn es um mehr Resilienz geht.
Auch die reine Bevölkerungsdichte sei allerdings kein Kriterium dafür, wie wohl sich Menschen in einer Stadt fühlen. Entscheidend sei vielmehr, ob sich ein Ort überfüllt, bedrohlich oder schwer überschaubar anfühle, schreiben sie. »Stress, Einsamkeit und Angst werden oft als persönliche oder lebensstilbedingte Probleme behandelt«, sagt Chan. »Sie können aber auch ein Missverhältnis zwischen den Umgebungen widerspiegeln, in denen Menschen leben, und den Bedingungen, auf die sich unser Geist und Körper im Laufe der Evolution eingestellt haben.«
Ihre Arbeit verstehen die beiden ausdrücklich nicht als Plädoyer für eine Rückkehr in eine einfachere Vergangenheit, sondern als Aufforderung, das moderne Leben menschenzentrierter zu gestalten.