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NBCD und Nanopharmazeutika
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Status quo und Perspektiven

NBCD (Non-Biological-Complex-Drugs) stellen eine besondere Wirkstoffklasse dar, da sie zum einen Gemeinsamkeiten mit niedermolekularen Wirkstoffen synthetischen Ursprungs aufweisen, zum anderen jedoch mit ihrer komplexen Struktur und Herstellung eine Zuordnung zu den Biologicals und Biosimilars rechtfertigen würden.
AutorKontaktHans-Peter Lipp
Datum 09.05.2021  08:00 Uhr

Nicht einfach austauschen

Sehr viele Diskussionen wurden in den letzten Jahren auch über die intravenös applizierbaren Eisen-III-Kohlenhydratkomplexe als NBCD beziehungsweise Nanopharmazeutika geführt (9, 10). Mittlerweile stehen verschiedene Generationen entsprechender Komplexe zur Verfügung, die sich vor allem in ihren physiko-chemischen, pharmakologischen und klinischen Eigenschaften unterscheiden (Tabelle 2).

Eisen(III)-Carboxymaltose Eisen(III)-Derisomaltose Ferumoxytol Eisen(III)-Sucrose Eisen(III)-Dextran Eisen(III)-Gluconat
Handelsname Ferinject®
(Injectafer®)
Monofer®
(Diafer®)
(Feraheme®)
(Rienso®)
Venofer®
Fermed® (ISS)
Cosmofer®
(INFeD®)
Ferrlecit®
Verfügbare Ampullengröße 100, 500, 1000 mg 100, 500, 1000 mg 100 mg 100 mg 40, 62,5 mg
max. ED i.v. 1000 mg 20 mg/kg 510 mg 200 mg** 20 mg/kg 62,5 (-125) mg
Infusionsdauer ≥15 min ≥15 min 15 min 30 min** 60 min-6 h 10-60 min
Molekulargewicht (kDa) 150 69 185 43,3 103 37,5
Relative Komplexstabilität hoch hoch hoch mittel hoch niedrig
Dialysierbares Eisen (%) <0,002 <0,002 <0,002 0,057 0,1 0,789
Dextrangehalt bzw. dextranbasiert nein (nein)* ja nein ja nein
Plasma-HWZ [h] 7-12 20 circa 15 6 5-20 circa 1
Tabelle 2: Parenterale Eisen-III-Kohlenhydratkomplexe im Vergleich (mod. nach 9, 10).

Dabei spielt zum einen die feste Einbettung des Eisenoxidhydroxid-Kerns im Zentrum des ihn umgebenden Kohlenhydratgerüsts eine zentrale Rolle. Zum anderen ist aber auch die Wahl der Kohlenhydratzusammensetzung selbst von klinischer Relevanz, da sich hieraus unterschiedliche Inzidenzen an Überempfindlichkeitsreaktionen (Hypersensitivitätsreaktion = HSR) beziehungsweise an Hypophosphatämien nach intravenöser Eisengabe ergeben können (11–14).

Dass diese Komplexe, also zum Beispiel Fe(III)-Carboxymaltose versus Fe(III)-Derisomaltose, nicht einfach 1:1 gegeneinander austauschbar sind, ist nicht nur durch die unterschiedlichen Bezeichnungen der Internationalen Freinamen (INN), sondern auch durch die verschiedenen Studienergebnisse im Cross-over-Design nachvollziehbar. So war produktabhängig, zum Beispiel im Vergleich von Fe(III)-Carboxymaltose versus Fe(III)-Derisomaltose, eine unterschiedliche Häufigkeit an HSR und Hypophosphatämien nach intravenöser Gabe beobachtet worden (11–13).

Allerdings zeigten auch Studien mit intravenös zu applizierenden Fe(III)-Sucrose-Präparaten gleicher INN Abweichungen in der klinischen Wirksamkeit und Verträglichkeit zwischen dem Produkt eines Zweitanbieters und dem Referenzarzneimittel (Venofer®). Diese Beobachtungen erlauben die Hypothese, dass trotz der identischen chemischen Zusammensetzung unterschiedliche klinische Effekte erzielt werden können, die letztendlich auf die strukturellen Eigenschaften der Nanopartikel und deren Herstellungsprozess zurückzuführen sind und den Begriff der Iron-Sucrose-Similars (ISS) in der Fachliteratur mit sich gebracht haben. Die geäußerte Kritik an den nationalen Zulassungsverfahren für ISS ist deshalb nachvollziehbar (15, 16).

Die klinische Effektivität der Produkte lässt sich bisher nur mit der Steigerung von Hämoglobinwerten (ΔHb) oder der prozentualen Transferrin-Sättigung (ΔTSAT%) über die Zeit als Surrogatparameter erfassen, was aufgrund der inter- und intraindividuellen Schwankungsbreite dieses Surrogatparameters einer präzisen direkten Vergleichbarkeit dieser Produkte Grenzen setzt.

Eine Bioäquivalenzprüfung, das heißt pharmakokinetische Prüfung bei Bestimmung von cmax und AUC parenteraler Eisen-III-Kohlenhydratkomplexe ist wiederum nicht möglich (10). Mögliche signifikante Unterschiede in der Häufigkeit klinisch relevanter, schwerer HSR sind wiederum nur mithilfe von Megastudien bei den Dritt-Generations-Komplexen herauszuarbeiten, da entsprechende Inzidenzen bisher zwischen 0,1 bis 0,3 Prozent angegeben werden (14).

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