| Theo Dingermann |
| 01.10.2026 16:20 Uhr |
Besonders relevant ist, dass sich das Phänomen offenbar auch beim Menschen findet. Die Forscher untersuchten archivierte Endomyokardbiopsien von elf Herztransplantierten, bei denen zwischen Spender und Empfänger ein deutlicher Altersunterschied bestand. Bei älteren Spenderherzen in jüngeren Empfängern betrug dieser 8 bis 24 Jahre, bei jungen Spenderherzen in älteren Empfängern 38 bis 50 Jahre. Auch hier orientierte sich das anhand der DNA-Methylierung bestimmte biologische Alter des transplantierten Herzens stärker am Alter des Empfängers als an dem des Spenders.
Die molekularen Veränderungen scheinen zumindest teilweise funktionelle Entsprechungen zu besitzen. Anhand der Krankenakten von Hunderten Herztransplantierten untersuchte das Team verschiedene Parameter ein Jahr nach der Transplantation.
Herzfrequenz, Dicke der linksventrikulären Hinterwand und körperliche Belastbarkeit korrelierten stärker mit dem Alter des Empfängers als mit dem des Spenders. Allerdings folgten nicht sämtliche Funktionsparameter diesem Muster, ein wichtiger Hinweis darauf, dass sich nicht alle altersbedingten Veränderungen eines Organs rückgängig machen lassen.
Die Befunde sprechen damit für ein Konzept, das auch für die Alternsforschung von Bedeutung ist: Das biologische Alter eines Organs ist offenbar keine unveränderliche Eigenschaft des Gewebes, sondern wird zumindest teilweise durch seine systemische Umgebung bestimmt.
Welche Faktoren dafür verantwortlich sind, ist noch offen. Denkbar sind Einflüsse über zirkulierende Proteine, Metaboliten, Hormone, Immun- und Entzündungssignale oder andere Bestandteile des systemischen Milieus. Die Studie selbst identifiziert jedoch noch keinen einzelnen »Verjüngungsfaktor«.
Für die Transplantationsmedizin könnte sich daraus eine praktische Perspektive ergeben. Noch immer spielt das Alter des Spenders bei der Akzeptanz eines Herzens eine wichtige Rolle. Häufig werden Spender unter 45 Jahren bevorzugt, obwohl es keine absolute Altersobergrenze gibt. Wenn ein funktionell gut erhaltenes Herz eines älteren Spenders in einem jüngeren Empfänger zumindest einen Teil seiner molekularen Alterungsmerkmale verliert, könnte dies langfristig dafür sprechen, das chronologische Spenderalter bei der Organallokation differenzierter zu gewichten. Angesichts des Mangels an Spenderorganen wäre eine Erweiterung des verfügbaren Organpools von erheblicher Bedeutung. Genau diese Möglichkeit hebt auch der Beitrag in Nature hervor.
Für eine Änderung der klinischen Praxis reichen die Daten allerdings noch nicht aus. Die Untersuchung menschlicher Herzbiopsien umfasst lediglich elf Fälle, Langzeitdaten zu harten klinischen Endpunkten fehlen und die Ergebnisse müssen in größeren, unabhängigen Transplantationskohorten bestätigt werden.
Zudem erfassen epigenetische Altersuhren bestimmte molekulare Aspekte biologischen Alterns, nicht aber die automatische strukturelle und funktionelle Integrität eines Organs insgesamt. Die Forschenden betonen daher auch selbst, dass nun geklärt werden muss, wie dauerhaft die beobachtete Verjüngung ist und ob sie sich langfristig tatsächlich in besseren klinischen Ergebnissen niederschlägt.