| Theo Dingermann |
| 01.10.2026 16:20 Uhr |
© Getty Images/Lars Neumann
Alte Herzen können sich in einem jungen Organismus molekular verjüngen, während junge Herzen in einem älteren Organismus beschleunigt altern. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Publikation, die allerdings noch nicht erfolgreich den Review-Prozess durchlaufen hat. Dennoch hat das Wissenschaftsmagazin »Nature« in einem News-Beitrag über diese Studie informiert, was zeigt, dass die Arbeit wichtige und auch unerwartete biologische Fakten aufgedeckt hat, die langfristig Konsequenzen für die Auswahl von Spenderorganen haben und zugleich neue Einblicke in die grundlegenden Mechanismen des Alterns liefern.
Ein Team um Dr. Jesse Poganik vom Brigham and Women’s Hospital und der Harvard Medical School in Boston untersuchte zunächst heterochrone, also nicht altersangepasste, Herztransplantationen bei Mäusen. Junge, mittelalte und alte Mäuse erhielten jeweils ein zusätzliches Herz von jungen, mittelalten oder alten Spendertieren. Das eigene Herz blieb den Tieren erhalten.
Vier bis sechs Monate später analysierten die Forscher unter anderem die DNA-Methylierung an rund 320.000 Positionen des Genoms. Mithilfe verschiedener epigenetischer Altersuhren bestimmten sie daraus das biologische Alter der Gewebe.
Das Ergebnis war bemerkenswert eindeutig: Nicht das chronologische Alter des Spenders, sondern das Alter des Empfängers bestimmte zunehmend das biologische Alter des transplantierten Herzens. Alte Herzen wurden in jungen Mäusen biologisch jünger. Junge Herzen alterten in alten Empfängern schneller. Die Originalarbeit bestätigt diesen Effekt nicht nur anhand epigenetischer Uhren, sondern auch auf Ebene der Genexpression.
Besonders auffällig waren Veränderungen mitochondrialer Signalwege. So wurden die mitochondriale Translation, die oxidative Phosphorylierung und die Elektronentransportkette in alten Herzen nach Transplantation in junge Tiere hochreguliert, während sich bei jungen Herzen in alten Empfängern die entgegengesetzte Entwicklung zeigte.
Damit geht die Arbeit über die bloße Beobachtung veränderter epigenetischer Uhren hinaus. Die Transplantate zeigten umfassendere molekulare Muster, die entweder mit Alterung oder mit bekannten Anti-Aging- beziehungsweise Langlebigkeitssignaturen übereinstimmten.
Interessanterweise verlief der Effekt weitgehend in eine Richtung. Der Organismus veränderte das biologische Alter des transplantierten Herzens, das Transplantat selbst beeinflusste das biologische Alter von nativem Herz, Leber oder Blut des Empfängers dagegen kaum. Das unterscheidet die Beobachtung von Experimenten zur heterochronen Parabiose, bei denen junge und alte Tiere einen gemeinsamen Blutkreislauf erhalten und wechselseitige Effekte beobachtet werden.