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Geänderte Hirnaktivität

So vertreibt Psilocybin wohl die Depression

Psilocybin, das Psychedelikum aus magic Mushrooms, ist gerade dabei, sich von der Rauschdroge zum Antidepressivum zu mausern. Wirksamkeitsbelege aus Studien gab es schon einige, aber eine valide Hypothese zum Wirkmechanismus noch nicht – bis jetzt.
Annette Rößler
20.04.2022  18:00 Uhr

Psilocybin ist ein Naturstoff, der vor allem in Pilzen der Gattung Psilocybe (Kahlköpfe) vorkommt. Er hat eine agonistische Wirkung am 5HT2A-Serotoninrezeptor, was beim Anwender einen Rauschzustand bei vollem Bewusstsein und teilweise auch Halluzinationen auslöst. Wenn depressive Patienten unter kontrollierten Bedingungen und mit professioneller psychiatrischer Begleitung diese Erfahrung machen, kann das laut einer Reihe von Fallberichten und ersten kleinen klinischen Studien die depressive Symptomatik nachhaltig deutlich bessern. Seit einigen Jahren wird Psilocybin daher als Antidepressivumzunehmend ernstgenommen und erforscht, während der unkontrollierte Konsum zu Genusszwecken in Deutschland weiterhin illegal ist.

Für Pharmakologen unbefriedigend war bislang aber, dass die Frage nach dem Mechanismus der antidepressiven Wirkung unbeantwortet war. Denn der Serotoninrezeptor wird durch Psilocybin nur vorübergehend aktiviert, der antidepressive Effekt ist aber in der Regel von Dauer. Forscher um Dr. Richard E. Daws vom Imperial College in London bringen jetzt im Fachjournal »Nature Medicine« eine Verknüpfung von Netzwerken im Gehirn durch Psilocybin als mögliche Erklärung der antidepressiven Wirkung ins Gespräch. Seniorautor der Publikation ist Professor Dr. Robin Carhart-Harris, einer der international führenden Forscher zur psychiatrischen Anwendung von Psychedelika.

Die Londoner Arbeitsgruppe stützt ihre Hypothese auf zwei klinische Studien, in denen die Hirnaktivität von depressiven Patienten mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) gemessen wurde. An der ersten Studie nahmen Patienten mit therapieresistenter Depression teil, die zweimal im Abstand von sieben Tagen oral Psilocybin einnahmen (beim ersten Mal 10 mg und beim zweiten Mal 25 mg). Die fMRT-Untersuchungen erfolgten vor der ersten Einnahme und einen Tag nach der zweiten Dosis. Die andere Studie war ein doppelblinder, randomisierter, direkter Vergleich mit dem klassischen Antidepressivum Escitalopram. Teilnehmer waren hier Patienten mit Major Depression, die entweder zweimal im Abstand von drei Wochen je 25 mg Psilocybin plus sechs Wochen lang täglich ein Placebo erhielten oder sechs Wochen lang täglich 10 bis 20 mg Escitalopram plus zweimal im Abstand von drei Wochen Psilocybin in der Dosis von 1 mg (von der keine nennenswerte psychedelische Wirkung zu erwarten ist). Die fMRT-Untersuchungen wurden in dieser Studie vor der ersten Anwendung und dann drei Wochen nach der zweiten Psilocybin-Dosis gemacht.

Übereinstimmend mit früheren Untersuchungen setzte die antidepressive Wirkung von Psilocybin rasch ein und hielt während des Beobachtungszeitraums an. Auf den fMRT-Aufnahmen war zu sehen, dass dies mit einer Zunahme der funktionalen Konnektivität im Gehirn korrelierte. Neuronale Netzwerke, die getrennt voneinander arbeiten (modular), waren nach der Anwendung von Psilocybin besser miteinander verbunden als zuvor. Diese Veränderungen blieben bei Patienten, die Escitalopram erhalten hatten, aus. Der selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitor (SSRI) wirkte zudem deutlich schwächer antidepressiv als das Psychedelikum.

Eine bessere Verzahnung modularer Netzwerke im Gehirn könnte durchaus das biologische Äquivalent dessen sein, was gemeinhin als »Bewusstseinserweiterung« bezeichnet wird und sowohl von Freizeitanwendern der Psychedelika als auch von depressiven Patienten als angenehm empfunden wird. So erlebten in Studien auch diejenigen Patienten die stärkste Linderung ihrer depressiven Symptome durch Psilocybin, die die intensivsten psychedelischen Erfahrungen gemacht hatten. Dies per Bildgebung nachzuweisen, bringe womöglich wenig Zusatznutzen, merkt Professor Dr. Matthias Liechti vom Universitätsspital Basel an. »Man könnte genauso gut die Patienten mittels Fragebogen befragen, wie das Erlebnis war, und das als Marker für die Therapieantwort verwenden«, so der Professor für klinische Pharmakologie.

Wichtig sei die Erkenntnis, dass Psilocybin möglicherwiese bei speziellen Aspekten einer Depression, zum Beispiel bei kognitiven Problemen, besser wirke als Antidepressiva. Weitere Forschung sei aber notwendig. So müsse die Wirkung von Psilocybin in klinischen Studien mit Kontrollgruppen und auch bei verschiedenen Störungsbildern weiter untersucht werden.

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