| Jennifer Evans |
| 12.08.2026 07:00 Uhr |
Besonders kritisch sehen einige Wissenschaftler die »schadensorientierte Forschung«, die Defizitnarrative nutzt und Leid und Gebrochenheit indigener Menschen dokumentiert – statt sie zu stärken. Sie plädieren dafür, den Fokus lieber auf eine wunschbasierte Forschung zu verlagern, die die Bestrebungen indigener Gemeinschaften in den Mittelpunkt stellt. Voraussetzung dafür ist, dass indigene Selbstverwaltung nicht marginalisiert, sondern strukturell verankert wird.
Als Beispiel für gelebte Selbstbestimmung nennt Burchill die Reaktion auf die Covid-19-Pandemie in Australien. Indigene Gemeinschaften hätten dabei Entscheidungen sowohl auf Grundlage epidemiologischer Daten als auch kultureller Prinzipien getroffen, wie etwa Vorrang für Älteste, Schutz von Verwandtschaftsstrukturen und Vertrauen in eigene Kommunikationswege. »Dieser Ansatz zeigte, dass unter der Führung indigener Völker Lösungen entstehen, die nicht nur wirksam, sondern auch zutiefst menschlich sind – verwurzelt in Fürsorge, Liebe zur Gemeinschaft und kollektivem Wohlergehen«, schreibt er.
Als ethische Grundlage künftiger indigener Gesundheitsforschung plädiert Burchill für eine »indigene Liebesethik«: eine Haltung, die Fürsorge, Verantwortung gegenüber Land, Kultur und Gemeinschaft sowie spirituelles Wachstum betont. Nur wenn indigene Völker Forschung auf Basis ihres eigenen Wissens, ihrer Bedürfnisse und Beziehungen selbst gestalten, so seine Überzeugung, lassen sich die kolonialen Strukturen überwinden, die ihren Handlungsraum bis heute begrenzen.