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Glaukomtherapie
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Sehnervenschäden aufhalten

Das Glaukom ist nach dem Katarakt weltweit die zweithäufigste Erblindungsursache. Das Tückische daran: Die meisten Betroffenen nehmen die typischen Gesichtsfeldausfälle erst wahr, wenn bereits große Teile des Sehnervs zerstört sind.
AutorPZ
AutorClara Wildenrath
Datum 10.04.2022  08:00 Uhr

Nervenzellen schützen

In den letzten Jahren rückte die Neuroprotektion zunehmend in den Fokus. In Tierstudien brachte beispielsweise Citicolin (Cytidin-5′-diphosphocholin) ermutigende Ergebnisse. Bei Ratten gingen Nervenschäden im Auge nach einer dreiwöchigen Behandlung um 74 Prozent zurück. Der Sehverlust verminderte sich trotz der weiter bestehenden okulären Hypertension.

Citicolin ist eine körpereigene Substanz, die an der Synthese der Phospholipide in Zellmembranen beteiligt und als Nahrungsergänzungsmittel im Handel ist. Einzelne Fallstudien weisen auch beim Menschen auf eine mögliche neuroprotektive Wirkung beim Offenwinkelglaukom hin, aussagekräftige wissenschaftliche Studien fehlen aber komplett.

Eine ähnliche Wirkung könnten GLP-1-Rezeptoragonisten haben, die Typ-2-Diabetespatienten zur Blutzuckersenkung erhalten. Wie kürzlich die Analyse von britischen Versicherungsdaten zeigte, erkrankten Patienten unter dieser Therapie nur gut halb so oft an einem Glaukom wie bei anderen Blutzuckersenkern. Den protektiven Effekt führen die Forscher auf eine antientzündliche Wirkung in den Nervenzellen der Retina zurück. Zu den GLP-1-Rezeptoragonisten gehören beispielsweise die Wirkstoffe Dulaglutid, Exenatid, Semaglutid und Liraglutid.

Für einen Quantensprung in der Glaukombehandlung könnten gentherapeutische Ansätze sorgen. Epigenetische Veränderungen der zellulären DNA spielen eine wichtige Rolle im Alterungsprozess – auch im Auge. Vor allem Methylierungen entscheiden darüber, welche Gene abgelesen werden und welche nicht. US-amerikanischen Forschern gelang es 2020, bei Mäusen Methylierungen in der DNA der Retinazellen gezielt zu entfernen und so die altersbedingten Veränderungen des Epigenoms rückgängig zu machen. Dadurch regenerierte sich das beschädigte Netzhautgewebe und die Sehleistung der Tiere verbesserte sich deutlich.

Auch bei menschlichen Retinazellen in Zellkultur konnten die Forscher den Alterungsprozess auf diese Weise zurückdrehen. Erstmals war es damit möglich, bestehende Schäden am Sehnerv zu heilen und verlorene Sehkraft wiederherzustellen. Bis diese Form der Gentherapie auch bei Menschen mit Glaukom getestet werden kann, dürften aber noch einige Jahre vergehen.

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