| Christina Hohmann-Jeddi |
| 17.06.2026 13:00 Uhr |
Smartwatches vermessen den Schlaf der Träger in der Nacht – aber nicht sehr präzise. / © Getty Images/AndreyPopov
Der Schlaf als bedeutender Teil der Gesundheit rückt stärker in den Fokus. Viele Sportler, Gesundheitsbewusste, aber auch Menschen mit schon bestehenden Schlafstörungen vermessen ihren Schlaf. Das berichtete Dr. Hans-Günter Weeß, Leiter des Schlafzentrums des Pfalzklinikums Klingenmünster, bei einer Pressekonferenz anlässlich des Aktionstags »Erholsamer Schlaf« der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) am 16. Juni.
Zahlreiche Sleeptracker und Apps werden zur Vermessung des Schlafes angeboten. Diese vermittelten zwar aufgrund ihrer Erscheinungsform einen hochtechnischen und wissenschaftlichen Charakter, sie messen aber »nach Steinzeitmethoden der Schlafforschung«, so Weeß. Damit könne man den eigenen Schlaf nicht genau analysieren, es handele sich vielmehr um Schätzungen.
»Die Geräte können die Schlafdauer vernünftig ermitteln, aber nicht die kleinen Weckreaktionen in der Nacht, die den Schlaf unerholsam machen«, sagte Weeß. Sie könnten auch keine genauen Aussagen zu den Schlafphasen, wie Traum- oder Tiefschlaf, machen, da viele der Tools nur die Bewegungshäufigkeit und häufig als einziges Biosignal den Puls nutzen. »Den Schlaf kann ich nur valide untersuchen, wenn ich Elektroden am Kopf anbringe«, betonte Weeß. Würde es sich dabei um geeignete Mittel zur Analyse des Schlafes handeln, würden wir diese längst in der schlafmedizinischen Praxis eingesetzt.
Die Aussagekraft sei gering und es fehle an Validierung. »Wenn eine Validierungsstudie durchgeführt wurde, dann meist an gesunden Personen und jungen Menschen, weshalb sich die Geräte als Wellness-Produkte, nicht jedoch für Diagnosen eignen.«
Das Schlaftracking berge auch Risiken, machte der Mediziner deutlich. »Je mehr ich mich mit dem eigenen Schlaf beschäftige, desto angespannter werde ich – und Anspannung ist der Feind des Schlafes.« Somit könnte durch die starke Fokussierung auf eine Optimierung des Schlafs eine Schlafproblematik entstehen.
Eine Folge der Nutzung solcher Tools könne auch sein, dass sich Menschen nicht mehr auf das eigene Körpergefühl, sondern auf das Ergebnis des Schlaftrackers verlassen. »Die eigene Wahrnehmung gerät immer mehr in den Hintergrund«, sagte Weeß. Somit könnten die Geräte aufgrund ihrer Ungenauigkeit Menschen mit Schlafstörungen beruhigen und fälschlicherweise einen gesunden Schlaf attestieren oder andererseits Menschen mit einem gesunden Schlaf verunsichern, indem sie ihnen einen nicht erholsamen Schlaf anzeigen.
Trotz der Nachteile hätten die Wearables aber einen Vorteil, sagte Weeß: »Sie machen auf die Bedeutung des Schlafs für die Gesundheit aufmerksam.« In unserer Gesellschaft werde der Schlaf häufig zu wenig geschätzt, was sich an Bezeichnungen wie Schnarchnase und Schlafmütze zeige.
Der Experte hofft, dass Medizintechnikfirmen in Zukunft zuverlässige, validierte Schlaftracker entwickeln. »Davon wird die Schlafmedizin nicht unwesentlich profitieren.«
Denn Interesse am eigenen Schlaf ist das eine, Probleme mit dem Schlaf das andere. Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie) zählen zu den häufigsten Erkrankungen. Zwischen 6 und 10 Prozent der Bevölkerung leiden unter einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung. Laut einer aktuellen Analyse des Robert-Koch-Instituts geben 35 Prozent der Erwachsenen an, Probleme mit dem Schlaf zu haben. Die Hälfte der Betroffenen leidet länger als drei Jahre unter entsprechenden Problemen.
»Das sind keine Bagatellerkrankungen«, sagte Weeß. Ein bis zwei Millionen Menschen in Deutschland nähmen Schlafmittel ein. Bei dem hohen Leidensdruck sei es verständlich, dass der Markt für Schlaftracker, Einschlafhilfen oder »Sleep Hacks« boomt, berichtete der Somnologe. Milliarden würden für technische Einschlafhilfen ausgegeben.
Zu den Gadgets, die für einen besseren Schlaf sorgen sollen, gehören neben einigen anderen Kuschel-Schlafroboter, die synchron mit den Schlafenden atmen, Gewichtsdecken (Therapiedecken), die mit einem Gewicht von 4 bis 14 kg auf den Schlafenden Angst und Stress reduzieren sollen, sowie Lichtmetronome oder Lichtwecker. Allerdings sind die wenigsten dieser Hilfsmittel wissenschaftlich erprobt und in ihrer Wirksamkeit überprüft.
»Viele Menschen sind nach dem Kauf enttäuscht«, sagte Weeß. Bei anhaltenden Schlafproblemen (mehr als ein Monat) ist es ratsam, die Beschwerden ärztlich abklären zu lassen, vor allem wenn Symptome wie extreme Tagesmüdigkeit, ungewolltes Einnicken, lautes Schnarchen in Kombination mit Atempausen oder Herzrasen beim Aufwachen auftreten.