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»Komplette Überlastung der Praxen«
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Scharfe Kritik an geplanter AU-Pflicht ab Tag 1

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen Beschäftigte schon am ersten Krankheitstag eine Krankschreibung vorlegen müssen. Der Plan stößt auf heftigen Widerstand. Kritiker warnen unter anderem vor einer Überlastung der Praxen und einer Misstrauenskultur gegenüber den Bürgern.
AutorKontaktLukas Brockfeld
Datum 02.07.2026  15:25 Uhr

Der vergleichsweise hohe Krankenstand in Deutschland ist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schon lange ein Dorn im Auge. Im Januar klagte er beispielsweise bei einer Wahlkampfveranstaltung in Baden-Württemberg, dass die Beschäftigten im Schnitt auf 14,5 Krankentage pro Jahr kommen. »Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?«, fragte der Kanzler.

Das am Donnerstagmorgen von den Spitzen von Union und SPD vorgestellte Reformpaket enthält auch Maßnahmen gegen den hohen Krankenstand. Der Koalitionsausschuss möchte die Möglichkeit zu telefonischen Krankschreibungen abschaffen. Außerdem sollen Beschäftigte künftig ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen müssen. »Wir können uns diesen Wettbewerbsnachteil durch lange Abwesenheiten in den Unternehmen nicht mehr leisten«, so der Bundeskanzler. Außerdem sollen Ärzte stärker für das unrichtige Ausstellen einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bestraft werden.

Ärzte sprechen von Zumutung

Die Pläne der Koalition stoßen allerdings auf breite Ablehnung. So spricht der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) von einer »Zumutung, die an Unverschämtheit grenzt«, für die Ärzteschaft. »Auf der einen Seite sollen ihnen durch das GKV-Spargesetz viele Milliarden Euro aus der Patientenversorgung weggenommen werden, auf der anderen Seite will ihnen diese Regierung noch mehr Arbeit und noch mehr Bürokratie aufbürden – und garniert das Ganze mit unverhohlenem Misstrauen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern«, so die KBV-Vorstände Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner in einer gemeinsamen Pressemitteilung.

Nach Einschätzung der KBV werden die Pläne zu übervollen Praxen, mehr Bürokratie und einem enormen Zeitaufwand führen. »Es grenzt zudem an Irrsinn, Abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln. Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett – und nicht in die übervolle Praxis«, betont der KBV-Vorstand. Die Bundesregierung blende die Realität aus und setze auf staatliche Regulierungen statt persönlicher Freiheit.

Ähnliche Kritik kommt auch vom Hausärztinnen- und Hausärzteverband. »Diese Beschlüsse sind eine absolute Katastrophe. Ohne jegliche Evidenz nimmt die Koalition die komplette Überlastung unserer Praxen billigend in Kauf. Die Bürokratiewelle, die auf die hausärztliche Versorgung zurollt, wird kaum zu bewältigen sein! Dass dadurch Krankheitstage reduziert werden, ist eine Illusion«, so die Einschätzung der Verbandsvorsitzenden Nicola Buhlinger-Göpfarth und Markus Blumenthal-Beier.

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