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NARZ
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Reform bringt Chancen, aber keine Entwarnung

Die Apothekenreform ist durch, aber das bedeutet nicht, dass die Herausforderungen für Apotheken verschwunden sind. Dies machte Jörn Graue, Vorstandsvorsitzender des Norddeutschen Apothekenrechenzentrums (NARZ), jetzt in einer aktuellen Bestandsaufnahme deutlich.
AutorKontaktCornelia Dölger
Datum 21.10.2026  13:30 Uhr

Apotheken seien häufig der erste erreichbare Gesundheitsort – und nicht nur »die letzte Station einer Lieferkette«, stellt Graue in seiner Rede fest, die er zur NARZ-Mitgliederversammlung am 10. Oktober in Hamburg vorbereitet hatte. Die Rede liegt der PZ vor. Graue begrüßt darin die mit der Reform ermöglichten Kompetenzerweiterungen für Apotheken.

Mit dem im Sommer in Kraft getretenen Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) sowie der flankierenden Mantelverordnung dürfen Apotheken etwa mehr impfen und testen, Rx für Chroniker in Ausnahmen ohne vorliegendes Rezept abgeben und neue pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) anbieten. Zudem können sie flexibler auf Lieferengpässe reagieren. Graue gab allerdings zu bedenken, dass damit auch neuer Aufwand einhergehe.

Dass mit der Reform – die entsprechende Verordnung ist seit Juni in Kraft – das Fixum nach jahrelangem Stillstand stufenweise angehoben wird, wirke zunächst »wie ein warmer Regen«, am Ende sei es aber »der erste Tropfen nach langer Dürre«, so Graue. Fraglich sei nämlich, ob die Erhöhung ausreiche, denn die neuen Möglichkeiten allein garantierten »noch lange keine gesicherte Zukunft«.

Angesichts von steigenden Kosten und seit Jahren eingefrorenem Fixum werde mit dessen Erhöhung lediglich eine alte Rechnung beglichen, und dies auch nur teilweise. Hinzu komme, dass »schon die nächste Hand nach demselben Geld« greife: Zum Jahreswechsel wird bekanntlich der Apothekenabschlag von 1,77 auf 2,07 Euro erhöht. Ein Rettungsschirm sehe anders aus, so der NARZ-Vorsitzende. Die wirtschaftlichen Grundprobleme blieben bestehen – und das Apothekensterben gehe weiter.

Chancen der Verhandlungslösung

Was der Beruf brauche, sei Planungssicherheit. »Das Honorar darf nicht wieder für ein Jahrzehnt zum Museumsstück werden«, warnt Graue. In der neuen Verhandlungslösung sieht er eine Chance, die wirtschaftliche Entwicklung der Apotheken gegenüber den Kassen geltend zu machen. Andernfalls drohe: »Sonst stehen wir in einigen Jahren erneut hier – nur mit weniger Apotheken und wahrscheinlich mit einem noch längeren Gesetzesnamen.«

Graue streift in seiner Rede weitere Herausforderungen für die Apotheken, zuvorderst den Versandhandel. Dass Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) das Geschäftsgebaren von Doc Morris und Co. beim Apothekertag im September als Wettbewerbsverzerrung kritisiert hatte, begrüßt Graue. Den Nachsatz, dass freie Preise für alle oder für niemanden erlaubt sein müssten, hält er aber für bedenklich.

Denn falls nicht der Versandhandel eingefangen werde, sondern andersherum die Regeln auch für die Vor-Ort-Apotheke gelockert würden, wäre damit »zwar auf dem Papier Gleichheit hergestellt«. Auf dem Spiel stünde dann aber der einheitliche Apothekenabgabepreis. Mithin müssten die Wettbewerbsbedingungen angeglichen werden, ohne einen Preiswettbewerb zu eröffnen.

Problemfall E-Rezept

Auch immer wieder auftretende Ausfälle beim E-Rezept treiben die Apotheken um. Der Apotheker sei in solchen Fällen »zugleich Pharmazeut, Systemadministrator, Seelsorger und Erklärbär«, meint Graue.  Ein versorgungskritisches System brauche Belastbarkeit, klare Ersatzverfahren und Verantwortliche, die im  Störungsfall erreichbar sind.

Das NARZ als Rechenzentrum müsse technische Zuverlässigkeit, Datenschutz und Abrechnungssicherheit gleichzeitig gewährleisten. Der Grundsatz der Datenminimierung sei keine Fußnote, Gesundheitsdaten gehörten zu den sensibelsten Informationen überhaupt. Grenzen würden angesichts von zunehmender Verknüpfung immer wichtiger. Graue verweist zudem darauf, wie wichtig Cybersicherheit sei. Das gelte auch für Künstliche Intelligenz. Die Verantwortung müsse beim Menschen bleiben.

Finanzierung von Hochpreisern

Als einen »bleiernen Schatten« bezeichnet Graue das bekannte Hochpreiserproblem. Apotheken müssen für die teuren Präparate in Vorleistung gehen und tragen bis zur Erstattung das volle wirtschaftliche Risiko. »Aus Versorgung wird damit unversehens Kreditgeschäft«, warnt Graue. Besonders schwierig werde es, wenn Hersteller kurze Zahlungsziele verlangten oder den Großhandel umgingen. Die Finanzierung der Hochpreiser müsse gesondert abgesichert werden, zumal auch Retaxationen in diesem Fall existenzgefährdend sein könnten.

Auch die Debatten über schnellere Abrechnungen skizziert der NARZ-Vorsitzende. Diese ersetzten keine geordnete Rechnungsprüfung. »Daten in Echtzeit sind noch keine Zahlung in Echtzeit.« Graue hebt die Vorteile der monatlichen Sammelrechnung hervor. Apotheken bräuchten zugleich frühe und angemessene Abschläge. Ein früherer Abschlag sei möglich, wenn die Lieferverträge das zuließen. »Als gutes Beispiel hierfür kann der Hamburger Liefervertrag mit der AOK Rheinland-Hamburg dienen.«

Bündelung der Abrechnung

Um sich gegen unangemessene Retaxationen zu wehren, brauche es klare Heilungsmöglichkeiten, transparente Prüfregeln und praxistaugliche Fristen, so Graue weiter. Besonders unerfreulich seien die Retaxationen der Krankenkassen nach Kündigung der Hilfstaxe gewesen. Erst ein Gericht habe dem Grenzen gesetzt. Auch die Frage, ob Krankenkassen bei verspäteter Zahlung den gesamten Sammelrechnungsabschlag verlieren, werde nun gerichtlich geklärt. Einige Kassen hätten bereits mit Rückzahlungen begonnen.

Graue informiert in seiner Rede zudem über Umstrukturierungen bei der Abrechnung. Der Verwaltungsrat habe im Sommer den Weg für die Zusammenführung der Abrechnungstätigkeiten freigemacht: Sie sollen schrittweise vom NARZ auf die AVN übergehen und bis spätestens Ende Juni 2027 gebündelt werden. Die Steuerung liege weiterhin in den Gremien des NARZ; Mitgliedschaft, Ansprechpartner, Abläufe, Fristen und Bedingungen der Abrechnung blieben erhalten. »Der apothekereigene Charakter wird nicht preisgegeben«, versicherte Graue. Zugleich werde weiter investiert.

Graue schließt seine Rede mit einem Appell: »Die Apothekerschaft ist politisch nicht machtlos«, betont er. Sie müsse aber mit einer Stimme sprechen, rechtzeitig und verständlich. Auch das NARZ müsse seine Stimme einbringen, wenn etwa Abrechnungswege neu gestaltet würden.

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