| Theo Dingermann |
| 05.11.2026 11:00 Uhr |
Aus dem Verhalten von Mäusen, die mit Psilocybin behandelt wurden, versuchen Forschende Rückschlüsse auf eine antidepressive Wirkung des Psychedelikums zu ziehen. / © Adobe Stock/filin174
Ein Forschungskonsortium aus fünf unabhängigen Laboren an den Universitäten in Stanford, Berkeley und San Francisco untersuchte in einer Reihe von Experimenten jeweils rund 200 männliche und weibliche Mäuse hinsichtlich ihres Verhaltens auf Psilocybin. Die Ergebnisse dieser außergewöhnlichen Kooperation erschienen jetzt unter der Erstautorschaft von Odilia D. Lu von der University of California Berkeley, USA, im Fachjournal »Nature Neuroscience«.
Den Tieren verabreichten die Forschenden einmalig 2 mg/kg Psilocybin in die Bauchhöhle. Kontrolltiere erhielten Kochsalzlösung. Dosis, Mausstamm und zentrale Versuchsabläufe waren abgestimmt; kleinere Unterschiede etwa bei Apparaturen und Tageszeiten blieben bewusst bestehen.
Dass die Substanz pharmakologisch wirksam war, belegten typische Kopfzuckreaktionen in allen Laboren. Unmittelbar nach der Gabe verstärkte Psilocybin zudem angstbezogenes Vermeidungsverhalten. Dies zeigte sich darin, dass die Mäuse offene, ungeschützte Bereiche mieden und neue Gegenstände weniger intensiv erkundeten. Gleichzeitig nahm die Furchtstarre auf einen zuvor mit einem kurzen Stromreiz verknüpften Ton deutlich ab.
Allgemeines Vermeidungsverhalten und die Reaktion auf eine erlernte Gefahr entwickelten sich somit unterschiedlich. Eine dauerhafte Abschwächung der Furchterinnerung oder ein zuverlässig erleichtertes Verlernen der Furcht folgte daraus jedoch nicht.
Bei den Tests auf längerfristig günstige Effekte fiel das Ergebnis ernüchternd aus. Nach 24 Stunden fanden sich keine laborübergreifend reproduzierbaren angstlösenden oder antidepressiven Effekte. In Schwimm- und Schwanzaufhängungstests, die anhand von Aktivität und Bewegungslosigkeit Hinweise auf antidepressivähnliche Wirkungen liefern sollen, zeigten einzelne Labore zwar Veränderungen. Ein konsistentes Gesamtbild ergab sich daraus aber nicht.
Ebenso wenig veränderte Psilocybin zuverlässig die soziale Präferenz. Auch eine zuvor beschriebene Wiederöffnung eines Zeitfensters für soziales Belohnungslernen ließ sich bei erwachsenen Tieren unter diesen Bedingungen nicht bestätigen.
Um zu prüfen, ob eine Vorbelastung mögliche Effekte erkennbar macht, verabreichte das Team zusätzlich über drei Wochen Corticosteron als chronisches Stressmodell. Auch danach fehlten robuste, laborübergreifend bestätigte Verbesserungen.
Eine Ausnahme verdient Beachtung: In zwei Laboren und in der gemeinsamen Auswertung erhöhte Psilocybin die Präferenz für Zuckerwasser, ein mögliches Signal gegen Anhedonie. Die Forschenden bewerten den Befund allerdings zurückhaltend, denn drei Labore bestätigten den Befund nicht. Es ließ sich nicht ausschließen, dass die Vorliebe der Mäuse für Zuckerwasser eher auf geringerer Wasseraufnahme als auf gesteigertem Zuckerkonsum beruhen könnte.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass manche anhaltenden Verhaltenseffekte kleiner oder stärker von den Versuchsbedingungen abhängig sein könnten als angenommen. Vereinzelte positive Resultate könnten zudem Zufallsbefunde sein. Die Studie zeigt damit, wie wichtig gemeinsame Prüfprotokolle und unabhängige Wiederholungen sind, bevor aus Tierexperimenten weitreichende Wirkmodelle entstehen.
Zur klinischen Einordnung der Studie ist es wichtig zu betonen, dass die Untersuchung keine Unwirksamkeit bei Menschen belegt. Getestet wurden eine Dosis, ein Behandlungsschema und überwiegend Zeiträume von einem bis wenigen Tagen. Andere Dosierungen, Krankheitsmodelle oder spätere Messungen könnten andere Befunde ergeben.
Zudem bilden die verwendeten Verhaltenstests eine menschliche Depression nur begrenzt ab. Die subjektive psychedelische Erfahrung lässt sich bei Mäusen kaum erfassen.