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Mangelnde Evidenz

Pneumologen vorerst gegen Budesonid bei Covid-19

Sobald Politiker von »Game Changern« in der Pandemie sprechen, steigt die Off-Label-Verordnung dieser Arzneimittel an, zuletzt geschehen mit Budesonid-Inhalatoren. Fachärzte sprechen sich nicht nur wegen der mangelnden Evidenz dagegen aus – sie befürchten auch Versorgungsengpässe für Asthmatiker.
Daniela Hüttemann
30.04.2021  12:30 Uhr

Im Februar erschienen erste Ergebnisse der STOIC-Studie auf einem Preprint-Server, am 9. April folgte eine Veröffentlichung nach dem Peer-Review-Verfahren im »The Lancet Respiratory Medicine« und prompt twitterte SPD-Gesundheitsexperte und Mediziner Karl Lauterbach von einem möglichen »Game Changer«. Die Rede ist von der Inhalation des Corticosteroids Budesonid bei leichten Covid-19-Erkrankungen, um einen schweren Verlauf zu verhindern.

In Österreich führte dies direkt danach offenbar zu zahlreichen Off-Label-Verordnungen. »Teilweise berichteten uns Asthma-Patienten, dass sie ihr Budesonid-Präparat nicht mehr in den Apotheken bekamen«, berichtet Professor Dr. Marco Idzko, Lungenfacharzt aus Wien und Leiter des Arbeitskreises Allergie und Asthma der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), heute bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Die Versorgungslage verschärfte sich so weit, dass Österreich den Export inhalativer Corticosteroide (ICS) vorerst verbot.

Ganz so drastisch war und ist die Lage in Deutschland jedoch nicht, ergänzt DGP-Präsident Professor Dr. Michael Pfeifer. Bislang lägen der Fachgesellschaft hierzulande keine Informationen vor, dass es zu Versorgungsengpässen kam. Trotzdem habe die weite Verbreitung dieser doch eher kleinen und zum Teil methodisch fragwürdigen Studie zu viel Verunsicherung geführt. »Wir sehen hier erhebliche Probleme«, so Pfeifer und sprach sich eindeutig gegen den Einsatz von Budesonid und anderen ICS bei Covid-19 aus, bis mehr und bessere Daten vorliegen.

»Politiker sollten vorsichtig mit ihren Aussagen zu vermeintlichen Game Changern sein«, mahnt Idzko und erinnerte an Trumps Äußerung vor fast einem Jahr zum Hydroxychloroquin. Nachdem In-vitro-Ergebnisse vielversprechend klangen, wurde das Malaria- und Rheumamittel tausendfach bei Covid-19 eingesetzt – wie sich herausstellte, war das nicht nur nutzlos, sondern aufgrund der Nebenwirkungen zum Teil sogar kontraproduktiv. Zudem standen viele Rheuma-Patienten plötzlich ohne ihr Basismedikament dar.

Nun ist es beim Budesonid nicht ganz so schlimm gekommen. Trotzdem warnten die Pneumologen nochmals ausdrücklich, gerade die Ergebnisse der STOIC-Studie nicht zu hoch zu hängen und nannten zahlreiche Mängel: So nahmen lediglich 146 Probanden teil, davon ein Teil Asthmatiker, die ohnehin mit ICS behandelt wurden. Die Studie war offen und nicht verblindet, dass heißt, die Hälfte der Teilnehmer bekam den Budesonid-Inhalator zusätzlich. Im Prinzip sei ihnen gesagt worden »Sie bekommen jetzt ein Spray, von dem wir ausgehen, dass es Sie vor Covid-19 schützt oder die Symptome lindert«, daher sei von einem sehr hohen Placebo-Effekt auszugehen, urteilt Idzko

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