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Beobachtungsstudien

Nützt Metformin bei Covid-19?

Die Sterblichkeit an Covid-19 war in mehreren Beobachtungsstudien bei Diabetes-Patienten, die Metformin einnahmen, niedriger als ohne das orale Antidiabetikum. Um Metformin bei Covid-19 breit einzusetzen, reichen diese Daten aber nicht.
Annette Rößler
18.08.2020  17:00 Uhr

Der altbekannte Arzneistoff Metformin ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. So ist der Wirkmechanismus des Biguanids trotz intensiver Forschungsbemühungen noch nicht restlos aufgeklärt. Erst vor wenigen Monaten fanden Forscher heraus, dass es noch mit deutlich mehr Zielstrukturen interagiert als bislang angenommen. Unabhängig davon, wie die Wirkung genau zustande kommt, senkt Metformin die Sterblichkeit von Typ-2-Diabetikern, und zwar sogar im Vergleich zu Menschen ohne die Stoffwechselerkrankung.

Bereits früh im Verlauf der Coronavirus-Pandemie brachten Forscher des All India Institute of Medical Sciences im indischen Bhopal Metformin auch als möglichen Kandidaten zur Behandlung von Covid-19 ins Spiel (»Diabetes Research and Clinical Practice«, DOI: 10.1016/j.diabres.2020.108183). Sie begründeten eine vermutete Wirksamkeit unter anderem mit der Beeinflussung der AMPK- und mTOR-Signalwege. Solange es noch keinen spezifisch gegen SARS-CoV-2 gerichteten Arzneistoff gebe, sei Metformin mit seinen vielen pleiotropen Effekten durchaus einen Versuch wert.

Allerdings kann Metformin sehr selten eine Laktatazidose verursachen – eine Nebenwirkung, die bei kritisch kranken Covid-19-Patienten unbedingt zu vermeiden ist, da die Gefahr eines Multiorganversagens besteht. Die Gefahr einer Stoffwechselentgleisung besteht auch unter anderen oralen Antidiabetika, weshalb Diabetologen auch die kürzlich gestartete Phase-III-Studie DARE kritisch beurteilten, in der der SGLT-2-Hemmer Dapagliflozin (Forxiga®) bei Covid-19 getestet wird. Derzeit empfiehlt die Deutsche Diabetes Gesellschaft, Diabetiker mit schweren Covid-19-Verläufen mit Insulin zu behandeln.

Positive Signale aus Beobachtungsstudien

Mittlerweile gibt es aber mehrere Beobachtungsstudien, die eine Sterblichkeitssenkung durch Metformin nahelegen. Auf dem Preprint-Server »MedRxiv« berichteten Mediziner vor Kurzem über den Verlauf von 25.326 Personen, die sich zwischen dem 25. Februar und dem 22. Juni 2020 am Birmingham Hospital in den südlichen USA einem Coronatest unterzogen hatten (DOI: 10.1101/2020.07.29.20164020). Bei 604 Teilnehmern fiel der Erregernachweis positiv aus, darunter 239 Diabetiker. Bei ihnen war die Einnahme von Metformin unabhängig von anderen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Ethnie, Adipositas und Bluthochdruck mit einer signifikant niedrigeren Sterblichkeit an Covid-19 assoziiert (Odds Ratio 0,33).

Im Fachjournal »Diabetes & Metabolism« fasste Professor Dr. André Scheen von der Universität Liège in Belgien kürzlich die Ergebnisse von vier weiteren Beobachtungsstudien aus den USA, Frankreich und China mit insgesamt 7976 Teilnehmern zusammen, die ebenfalls in diese Richtung deuten (DOI: 10.1016/j.diabet.2020.07.006). Ein positiver Effekt durch Metformin sei in allen vier Studien vorhanden gewesen, wenn auch teilweise nicht signifikant. Insgesamt habe die Reduktion der Mortalität 25 Prozent betragen. Zu beachten sei jedoch die Heterogenität der Studien.

Scheen geht in seiner Arbeit auch auf die möglichen Mechanismen der Metformin-Wirkung ein und hebt dabei besonders auf den antientzündlichen Effekt ab. Um das Biguanid gezielt bei Covid-19 einzusetzen, reichten die vorhandenen Daten nicht. Dazu bräuchte es randomisierte klinische Studien – die aber vermutlich kein Hersteller machen werde, weil der Wirkstoff generisch verfügbar und sehr billig sei. Da es bislang keine bedenklichen Signale bezüglich der Sicherheit gebe, bestehe jedoch kein Grund, Metformin bei Covid-19-Patienten abzusetzen, außer bei schweren gastrointestinalen Symptomen, Hypoxie und/oder Multiorganversagen.

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