Pharmazeutische Zeitung online
Impfen durch Inhalieren

Neuer alter Pockenimpfstoff gegen Coronavirus

Auf der Suche nach einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2 setzen einige Wissenschaftler auch auf alte Bekannte. Beispielsweise könnte ein alter Pockenimpfstoff in abgewandelter Form Nutzen zeigen oder neue Erkenntnisse zu dem alten Gelbfieberimpfstoff könnten bei der Suche hilfreich sein. Auch am Impfen ohne Nadel wird geforscht.
Sven Siebenand
18.05.2020
Datenschutz bei der PZ

Wie aus einer Mitteilung des Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hervorgeht, testet sie in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München einen vielversprechenden Impfstoff auf Basis eines Pockenvirus. Das Modifizierte Vakzinia Virus Ankara (MVA) ist ein attenuiertes Pockenvirus, das in den 1970er-Jahren als Pockenimpfstoff entwickelt wurde. In den 1990er-Jahren schulte MVA um: Seitdem nutzt man es auch als Impfvektor, um Genmaterial in Körperzellen einzuschleusen und eine Immunreaktion auszulösen.

Nun planen die Wissenschaftler in den Pockenimpfstoff zusätzlich die genetische Bauanleitung für das virale Spike-Protein einzufügen, welches das Coronavirus für die Infektion von Zellen benötigt. Die Impfung soll dann die körpereigene Immunabwehr anregen und letztlich zu schützenden Antikörpern führen. Laut Professor Dr. Reinhold Förster von der MHH wurde ein gentechnisch modifiziertes MVA von der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Gerd Suttner in München bereits früher entwickelt und erfolgreich an Dromedaren getestet. »Die Tiere waren nach erfolgter Impfung gegen das MERS-Virus immun.« Dabei handelt es sich auch um ein Coronavirus. Dass die Impfung auch beim Menschen wirkt, ist in einer weiteren Untersuchung gerade erst bestätigt worden (»The Lancet Infectious Diseases«, DOI: 10.1016/S1473-3099(20)30248-6).

Jetzt soll der Pockenimpfstoff auch gegen SARS-CoV-2 untersucht werden. Die LMU will zunächst Mäuse mit dem genetisch modifizierten MVA impfen. Sind die Ergebnisse überzeugend, soll eine klinische Untersuchung folgen. Derzeit wird der Impfstoff für die klinische Phase I von der Firma IDT Biologika in Dessau hergestellt, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der LMU, des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF), des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und der Philipps-Universität Marburg. Die Produktion wird voraussichtlich in drei Monaten abgeschlossen sein, sodass die klinischen Tests im September starten können. »Für viele Abläufe in diesem Entwicklungsprozess können die Erfahrungen aus der MVA-MERS-Studie als Blaupause dienen«, heißt es in der Mitteilung. Eine offizielle Rekrutierung von Probanden habe noch nicht begonnen, dennoch können sich Interessierte schon jetzt unter der E-Mail info-covid@uke.de registrieren lassen.

Einen anderen Applikationsweg und innovativen Ansatz verfolgen die MHH-Wissenschaftler. Sie verabreichen den Impfstoff über die Atemwege. »Das Impfen durch Inhalation hat aus unserer Sicht den Vorteil, dass dadurch eine besonders starke Immunantwort genau dort ausgelöst wird, wo das Virus besonders heftig zuschlägt – nämlich in der Lunge«, sagt Förster.  Ist die Impfung im Tierversuch erfolgreich, soll MVA-SARS-CoV-2-S auch an Menschen getestet werden. Dafür will das Institut für Immunologie in Hannover zusammen mit klinischen Partnern eine erste Studie mit 30 Teilnehmern durchführen. 

Mehr von Avoxa