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Antibiotika

Neue Wege gegen Resistenzen

Geht es um die Resistenz von Bakterien gegen bestimmte Antibiotika, gibt es nicht nur die beiden Kategorien »resistent« und »sensibel«. Dazwischen existiert ein relativ großer Graubereich, in dem durch eine Modifikation der Therapie oft noch eine Wirksamkeit erreicht werden kann.
Annette Mende
21.01.2020
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»Antibiotika-Resistenz ist ein globales Problem, das sich in den letzten Jahren verschärft hat und voraussichtlich noch weiter zunehmen wird«, sagte Professor Dr. Matthias Willmann vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Tübingen beim Pharmacon-Kongress in Schladming. Derzeit forderten Infektionen mit resistenten Erregern jährlich etwa 700.000 Todesopfer. Setze sich die Entwicklung so fort wie bisher, sei damit zu rechnen, dass im Jahr 2050 ungefähr 10 Millionen Menschen an den Folgen solcher Infektionen sterben – mehr als an Krebs.

Dabei seien nicht Resistenzen gegen einzelne Antibiotika das Problem, sondern Multiresistenzen. Deren Ausmaß sei jedoch schwierig zu quantifizieren, da international verschiedene Definitionen existierten. In Deutschland teile das Robert-Koch-Institut die multiresistenten gramnegativen Bakterien (MRGN) anhand der Empfindlichkeit gegen die vier Leitsubstanzen Piperacillin, Cefotaxim beziehungsweise Ceftazidim, Imipenem und / oder Meropenem sowie Ciprofloxacin ein. 3MRGN bedeute, dass der Erreger nur gegen einen dieser Wirkstoffe empfindlich ist, 4MRGN, dass er gegen alle resistent ist.

Außer den mikrobiologischen Befunden »r« für »resistent« und »s« für »sensibel« gebe es jedoch noch die Kategorie »i« für »intermediär«. Diese brachte bis vor Kurzem noch Unklarheit für den behandelnden Arzt mit sich, denn sie konnte verschiedene Bedeutungen haben. »Überspitzt konnte man sagen, dass ›i‹ für ›I don't know‹ stand«, sagte Willmann. Nach einer neuen Definition, die seit Anfang 2020 gelte, bedeute »i« jetzt »sensibel bei erhöhter Exposition«. In diesen Fällen bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das betreffende Antibiotikum in einer höheren Dosierung oder bei geänderter Verabreichungsform wirksam sei.

MHK bestimmen und berücksichtigen

Um eine optimale bakterizide Wirksamkeit zu erzielen, müssten über bestimmte Zeiträume bestimmte Serumkonzentrationen erreicht werden. Diese lassen sich aus der minimalen Hemmkonzentration (MHK) ableiten. Die MHK ist definiert als die niedrigste Konzentration einer Substanz, bei der die Vermehrung von Mikroorganismen mit bloßem Auge nicht wahrgenommen werden kann. Für die Reserveantibiotika Carbapeneme gelte etwa das Ziel einer 4-fachen MHK über 70 Prozent des Dosierintervalls. Da die Serumkonzentration nach einer Bolusgabe rasch absinke, lasse sich eine Verbesserung der Wirksamkeit etwa durch eine kontinuierliche Gabe erreichen.

Allerdings müsse auch diese Therapie an den Einzelfall angepasst werden, betonte Willmann. Andernfalls sei sie der Standardbehandlung nicht automatisch überlegen. In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2016 sei die kontinuierliche Infusion eines β-Lactam-Antibiotikums bei Patienten mit schwerer Sepsis gegenüber Bolusgabe nur mit einem geringfügigen Überlebensvorteil verbunden gewesen (»American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine«, DOI: 10.1164/rccm.201601-0024OC). »Die Daten wurden aber im klinischen Setting erhoben und dort gibt es üblicherweise kein therapeutisches Drug Monitoring und keine Informationen zur MHK.« Unter Berücksichtigung dieser Daten sei es jedoch in vielen Fällen möglich, die Dosis so weit zu steigern, dass eine angebliche Resistenz überwunden werden könne, sagte der Referent unter Verweis auf eine Studie aus dem Jahr 2014 (»Intensive Care Medicine«, DOI: 10.1007/s00134-013-3187-2).

Virustatika als Resistenz-Booster

Dass es beim rationalen Einsatz von Antibiotika offenbar noch deutlich mehr zu beachten gibt als bislang angenommen, stellte der Mikrobiologe kürzlich in einer eigenen Untersuchung fest, in der er nach Kofaktoren der Resistenzselektion gesucht hatte (»BMC Biology« 2019, DOI: 10.1186/s12915-019-0692-y). Die Gabe einer definierten Tagesdosis (DDD) von Cotrimoxazol erhöhte darin erwartungsgemäß das Vorkommen von Sulfonamid-Resistenzgenen bei Darmbakterien, und zwar um 148 Prozent. Wurde zusätzlich ein Virustatikum gegeben, stieg diese Rate jedoch auf erstaunliche 1758 Prozent an. »Virustatika wirkten als Booster für die Entwicklung von Resistenzen«, so Willmann. Solle ein Patient mit einem Antibiotikum behandelt werden, müsse daher auch seine gesamte Komedikation überprüft werden.

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