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Ropeginterferon

Neue Option bei seltener maligner Bluterkrankung 

Mit Ropeginterferon alfa-2b gibt es seit Mitte September ein neues Arzneimittel zur Behandlung Erwachsener mit der seltenen Erkrankung Polycythaemia vera, die keine Symptome einer vergrößerten Milz (Splenomegalie) haben. Das Präparat ist als Injektionslösung im Fertigpen zugelassen und kann vom Patienten selbst gespritzt werden.
Brigitte M. Gensthaler
02.10.2019
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Die Polycythaemia vera (PV) gehört zu den chronischen myeloproliferativen Neoplasien. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch eine gesteigerte Produktion roter Blutzellen, die unabhängig von den normalen Regulationsmechanismen der Erythropoese abläuft. Bei fast allen Patienten (etwa 98 Prozent) liegt eine Mutation im JAK2-Tyrosinkinase-Gen vor, was zu einer gesteigerten Bildung von Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten führt. Häufigste Komplikationen der PV sind arterielle und venöse Thrombosen. Die Patienten sind bei Diagnosestellung durchschnittlich 60 bis 65 Jahre alt.

Therapieziel ist vor allem die Prävention von thromboembolischen Komplikationen. Die primäre Therapie besteht aus einer Kombination von Aderlass zur Absenkung des Hämatokrits und Hemmung der Thrombozytenaggregation durch niedrig dosierte Acetylsalicylsäure. Längerfristig benötigen die meisten Patienten eine zytoreduktive Therapie zur Kontrolle der gesteigerten Myeloproliferation. Eingesetzt werden Hydroxyurea und Interferon (IFN) alfa, in zweiter Linie auch Ruxolitinib, Busulfan und Anagrelid. Ropeginterferon alfa-2b ist derzeit das einzige für die Therapie der PV zugelassene Interferon-Präparat.

Eingriff in intrazelluläre Signalkaskaden

Ropeginterferon alfa-2b (Besremi® 250 und 500 μg/0,5 ml Injektionslösung im Fertigpen, AOP Orphanist) ist ein rekombinantes IFN alfa-2b, das mit einem zweiarmigen Methoxy-Polyethylenglycol konjugiert ist. Die Wirkung beruht auf der Bindung an den Interferon-α-Rezeptor auf Körperzellen. Diese Bindung löst eine Signalkaskade mit Aktivierung von Kinasen aus, vor allem von Januskinase 1 (JAK1), Tyrosinkinase 2 (TYK2) und Transkriptionsfaktoren (STAT-Proteine). Die STAT-Proteine sind über den JAK-STAT-Signalweg an der Kontrolle verschiedener Genexpressionsprogramme beteiligt.

IFN alfa hemmt die Proliferation von hämatopoetischen Zellen und Fibroblasten-Vorläuferzellen im Knochenmark und antagonisiert die Wirkung von Wachstumsfaktoren und anderen Zytokinen. All diese Effekte tragen möglicherweise zur therapeutischen Wirkung bei Polycythaemia vera bei.

Das pegylierte Prolin-Interferon hat den Status eines Orphan Drug. Die Injektionslösung im Fertigpen wird vom Patienten selbst subkutan gespritzt, vorzugsweise in die Bauchhaut oder den Oberschenkel. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 100 µg (50 µg bei Patienten unter einer anderen zytoreduktiven Therapie); empfohlen wird eine Steigerung um 50 µg alle zwei Wochen, wobei die andere zytoreduktive Therapie parallel dazu schrittweise reduziert werden sollte. Ziel ist eine Stabilisierung der hämatologischen Parameter: Hämatokrit < 45 Prozent, Thrombozyten < 400 × 109/l und Leukozyten < 10 × 109/l. Die Höchstdosis beträgt 500 µg alle zwei Wochen.

In der Erhaltungsphase sollte die Dosis, die die Blutwerte stabilisiert hat, für mindestens 1,5 Jahre weiterhin alle zwei Wochen gespritzt werden. Laut Fachinformation kann die Dosis dann angepasst und / oder das Spritzintervall auf bis zu vier Wochen verlängert werden. Treten Nebenwirkungen auf, kann der Arzt die Dosis reduzieren oder eine Therapiepause verordnen.

Die Liste der Gegenanzeigen ist lang. Ropeginterferon alfa-2b darf nicht angewendet werden bei Patienten mit dekompensierter Leberzirrhose und terminaler Niereninsuffizienz, bei Schilddrüsenerkrankung, die nicht mit konventioneller Behandlung kontrolliert werden kann, bestehenden oder früheren schweren psychiatrischen Störungen, insbesondere schwerer Depression, Suizidgedanken oder -versuch, bei schwerer kardiovaskulärer Erkrankung, Autoimmunerkrankung und Immunsuppression nach Transplantation.

Die Kombination mit Telbivudin ist kontraindiziert, da bei Patienten mit Hepatitis B das Risiko für periphere Neuropathien ansteigt.

Besseres Ansprechen bei längerer Gabe

Ropeginterferon alfa-2b wurde in der offenen, randomisierten Phase-III-Studie PROUD-PV bei 254 erwachsenen PV-Patienten mit Hydroxycarbamid (Hydroxyurea) verglichen. Patienten mit und ohne Hydroxycarbamid-Vorbehandlung erhielten entweder Besremi oder den Standard. Je nach Krankheitsansprechen und Verträglichkeit wurde die Dosis schrittweise erhöht (bei Ropeginterferon alfa-2b von 50 auf 500 µg subkutan alle zwei Wochen). Das hämatologische Ansprechen betrug im IFN-Arm 43,1 Prozent (53 von 123 Patienten), unter dem Standardmedikament waren es 46 Prozent.

In der offenen Verlängerungsstudie CONTINUATION-PV wurde die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit von Ropeginterferon alfa-2b an 171 PV-Patienten untersucht, die zuvor die PROUD-PV-Studie abgeschlossen hatten. Dabei verbesserte sich das Behandlungsergebnis bei längerer Therapie weiter. Nach 36 Monaten erreichten 70,5 Prozent der Patienten ein vollständiges hämatologisches Ansprechen. Fast 50 Prozent erreichten ein vollständiges hämatologisches Ansprechen mit einer Verbesserung der Krankheitslast.

Sehr häufige unerwünschte Wirkungen unter Besremi (mehr als 10 Prozent der Patienten) sind unter anderem Leukopenie und Thrombozytopenie, Muskel- und Gelenkschmerzen, Fatigue, erhöhte γ-Glutamyltransferase und grippeähnliche Symptome. Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen sind Depression, Vorhofflimmern (jeweils 1,1 Prozent) und akute Stressstörung (0,6 Prozent).

Es gibt keine Studien zur Erfassung von Wechselwirkungen mit Ropeginterferon alfa-2b. Der Wirkstoff kann jedoch die Aktivität der Cytochrom-Enzyme CYP1A2 und CYP2D6 hemmen und somit die Konzentration von Arzneistoffen erhöhen, die über diese Enzyme metabolisiert werden. Daher ist Vorsicht geboten bei Kombination mit CYP1A2-Substraten, vor allem solchen mit enger therapeutischer Breite wie Theophyllin oder Methadon, und bei CYP2D6-Substraten wie Vortioxetin und Risperidon. Auch bei der Gabe von myelosuppressiven und chemotherapeutischen Wirkstoffen sowie von Narkotika, Hypnotika oder Sedativa ist Vorsicht angezeigt.

Frauen im gebärfähigen Alter müssen zuverlässig verhüten, wenn sie Ropeginterferon alfa-2b anwenden. Allerdings tritt die PV meist in höherem Lebensalter auf.

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