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Covid-19-Impfung

Nebenwirkungen oft wegen Nocebo-Effekt

Etwa jede dritte Placebo-Coronaimpfung führte in einer Metaanalyse zu Nebenwirkungen. Umgekehrt ermittelten US-Forscher bei einer echten Coronaimpfung eine Nocebo-Quote von über 50 Prozent.
Laura Rudolph
19.01.2022  16:32 Uhr

Der Nocebo-Effekt ist der umgekehrter Placebo-Effekt: Eine Scheinbehandlung führt aufgrund von einer negativen Erwartungshaltung zu Nebenwirkungen. So ruft etwa jede dritte Placebo-Coronaimpfung unerwünschte Wirkungen hervor. Ebenso sind Nebenwirkungen, die nach einer Covid-19-Impfung auftreten, möglicherweise in mehr als der Hälfte der Fälle auf den Nocebo-Effekt zurückzuführen. Zu diesem Schluss kommt eine Forschergruppe um Erstautorin Dr. Julia Haas des Beth Israel Deaconess Medical Centers in Boston. Die Forschenden analysierten in einer Metaanalyse zwölf randomisierte, placebokontrollierte Studien und veröffentlichten ihre Ergebnisse jetzt im Fachjournal »JAMA Network Open«.

Von insgesamt 45.380 Probandinnen und Probanden, alle mindestens 16 Jahre alt, erhielten 22.578 eine Placebo-Injektion, der Rest eine Covid-19-Impfung. Nach der ersten Injektion klagten in der Placebogruppe 35,2 Prozent über systemische Nebenwirkungen, in der Interventionsgruppe 46,3 Prozent. Die Spitzenreiter unter unerwünschten Wirkungen bei den Placebo-Empfängern: Kopfschmerzen (19,3 Prozent) und Müdigkeit (16,7 Prozent). Nach der zweiten Injektion änderten sich die Rate der systemischen Nebenwirkungen auf 31,8 Prozent (Placebogruppe) und 61,4 Prozent (Interventionsgruppe).

Größere Unterschiede als bei den systemischen Reaktionen gab es bei den lokalen Reaktionen wie Schmerzen, Rötung oder Schwellung an der Einstichstelle: Nach der ersten Dosis klagten in der Placebogruppe 16,2 Prozent über mindestens eine Lokalreaktion, in der Interventionsgruppe waren es 66,7 Prozent. Diese Werte änderten sich nach der zweiten Injektion auf 11,8 Prozent (Placebogruppe) und 72,8 Prozent (Interventionsgruppe).

Hohe Nocebo-Quote bei systemischen Nebenwirkungen

Haas und Kollegen ermittelten für die erste Covid-19-Impfung eine Nocebo-Quote von 76 Prozent, bezogen auf systemische Reaktionen. Lokalreaktionen sind in 24,3 Prozent der Fälle dem Nocebo-Effekt zuzuordnen. »Unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen und Müdigkeit - die, wie wir gezeigt haben, besonders noceboempfindlich sind - werden in vielen Informationsbroschüren als eine der häufigsten unerwünschten Wirkungen nach der Covid-19-Impfung aufgeführt«, erklärte Hauptautor Professor Dr. Ted Kaptchuk der Havard Medical School und Direktor des Programms für Placebostudien am Beth Israel Deaconess in einer Pressemitteilung. »Es gibt Hinweise darauf, dass diese Art von Informationen dazu führen kann, dass Menschen alltägliche Empfindungen fälschlicherweise dem Impfstoff zuschreiben.«

Nach der zweiten Injektion wuchs der Unterschied in der Häufigkeit der gemeldeten Nebenwirkungen zwischen der Placebo- und der Interventionsgruppe. Haas und Kollegen ermittelten für die zweite Dosis eine Nocebo-Quote für systemische Nebenwirkungen von 51,8 Prozent und für lokale Reaktionen von 16,2 Prozent.

Auch wenn die Autorinnen und Autoren auf Einschränkungen der Studie wie nicht standardisierte Erfassung der Nebenwirkungen oder unterschiedliche Impfstoffpräparate eingehen, betont Kaptchuk: »Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Information der Öffentlichkeit über das Potenzial von Nocebo-Reaktionen dazu beitragen könnte, die Bedenken gegenüber der Covid-19-Impfung zu verringern, was die Impfscheu verringern könnte.«

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