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Coronavirus-Variante aus Nerzen

Mutationen wohl nicht so gefährlich

Die in Dänemark bei Nerzen aufgetretene Coronavirus-Variante weist wohl keine Mutationen auf, die die Wirksamkeit der in Entwicklung befindlichen Covid-19-Impfstoffe gefährden. Das berichtet die Nachrichtenseite des Fachjournals »Nature«.
Christina Hohmann-Jeddi
16.11.2020  16:32 Uhr

In Dänemark hatten sich mehr als 200 Menschen mit einer speziellen Variante des SARS-Coronavirus-2 mit der Bezeichnung Cluster-5-Virus infiziert, die aus Zuchtnerzen stammte. Da zu befürchten war, dass sich die Variante ausbreiten und die Wirksamkeit der Pandemieimpfstoffe reduzieren könnte, beschloss die dänische Regierung, alle 15 bis 17 Millionen Tiere im Land zu töten. Erste genetische Analysen bestätigen die Befürchtungen aber nicht, heißt es in einem Bericht auf der Nachrichtenseite des Fachmagazins »Nature«. Das dänische Gesundheitsinstitut SSI habe inzwischen genetische Daten zu der Variante veröffentlicht, die begutachtet werden könnten.

Laut Jannik Fonager, Virologe am SSI, enthält die Cluster-5-Variante, die bei fünf Nerzfarmen gefunden wurde, zwei Deletionen im Gen für das Spike-Protein und drei Mutationen, die jeweils eine Aminosäure verändern. Zellexperimente hätten gezeigt, dass das Spike-Protein dieser Variante von Antikörpern aus Rekonvaleszenzplasma weniger gut erkannt wurde als das ursprüngliche Spike-Protein. Das hatte vermuten lassen, dass die in Entwicklung befindlichen Covid-19-Impfstoffe eventuell weniger gut wirken könnten, da sie in der Mehrheit der Fälle eine Immunreaktion auf das Spike-Protein induzieren.  

Experten, die die bisherigen Daten analysiert haben, sind wenig besorgt. Diese Vermutung sei sehr spekulativ. So sagt Professor Dr. Astrid Iversen, eine Virologin von der Universität Oxford, Großbritannien, gegenüber »Nature«: »Die Nerz-assoziierten Mutationen, die wir bislang kennen, sind nicht mit einer schnelleren Verbreitung oder mit irgendeiner Änderung in Morbidität oder Mortalität verbunden.« Vielmehr sei die Variante eine »Sackgasse«, da es sich bei Menschen nicht stark verbreite. Infiziert hatten sich vor allem Arbeiter auf den Zuchtfarmen und seit September sei trotz intensiver Suche die Cluster-5-Variante nicht mehr bei Menschen nachgewiesen worden.

Das Keulen der Nerze sei dennoch nötig gewesen, da sich das Coronavirus rasant in den Nerzpopulationen ausbreite und damit ein fortwährendes Reservoir auch für Infektionen beim Menschen darstelle, sagt Iversen. In der Umgebung von betroffenen Nerzfarmen seien die Covid-19-Fälle deutlich angestiegen. Zudem zeigte eine genetische Analyse der Coronaviren, dass etwa 300 Varianten bei Menschen auf Nerze zurückzuführen seien, sagt Fonager. Dies bedeutet, dass sie Mutationen enthalten, die vermutlich zuerst bei Nerzen entstanden sind. Der Wechsel des Virus zwischen Mensch und Nerz, der schon in Farmen in den Niederlanden nachgewiesen wurde, erhöhe die Chance, dass das Virus problematische Mutationen entwickele. 

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