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Potenziell gefährlicher Wirtswechsel

SARS-CoV-2-Epidemie auf Nerzfarmen

Nerze können mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert werden und selbst wiederum Menschen anstecken. Auf Nerzfarmen in den Niederlanden ist dieser Fall bereits eingetreten, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.
Theo Dingermann
11.11.2020  14:00 Uhr

SARS-CoV-2 infiziert nicht nur den Menschen. Auch in nicht humanen Primaten, Katzen, Frettchen, Hamstern, Kaninchen und Fledermäusen kann das Virus replizieren. Werden diese Tiere in Farmen auf engem Raum gehalten, kann das zumindest theoretisch gefährlich werden.

Dies zeigt sich derzeit auf Nerzfarmen in Dänemark, wo die Tiere massiv von Infektionen und in der Folge von der Krankheit betroffen sind. Das zwingt die Aufsichtsbehörden und die Betreiber, ganze Bestände aufzulösen. Erstmals auf Nerzfarmen diagnostiziert wurde SARS-CoV-2 aber nicht in Dänemark, sondern in den Niederlanden, und zwar am 23. beziehungsweise 25. April.

Um die Konsequenzen auf molekularer Ebene besser abschätzen zu können, hat ein niederländisches Forscherteam um Dr. Bas B. Oude Munnink von der Erasmus Universität in Rotterdam die Genome von Tieren aus 16 von der Epidemie betroffenen Nerzfarmen und die Genome von Menschen sequenziert und analysiert, die auf diesen Farmen leben oder arbeiten. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher jetzt im Fachjournal »Science«.

Vom Menschen eingeschleppt

Insgesamt wurden 97 Personen durch serologische Tests und/oder RT-PCR getestet. Von den RT-PCR-Tests, die mit Proben der oberen Atemwege durchgeführt wurden, zeigten 43 von 88 (49 Prozent) ein positives Ergebnis. In den Serumproben ließen sich bei 38 von 75 Personen (51 Prozent) SARS-CoV-2-spezifische Antikörper nachweisen. Insgesamt gab es bei 66 von 97 der getesteten Personen (68 Prozent) Hinweise auf eine SARS-CoV-2-Infektion.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass das Virus in allen Fällen vom Menschen in die Framen eingeschleppt wurde und sich seitdem in den Nerzen durch Mutationen weiterentwickelt hat. Trotz hoher Biosicherheitsstandards, Frühwarn-Überwachung und sofortiger Keulung der Tierbestände auf den betroffenen Farmen fand die Übertragung auch zwischen Nerzfarmen in drei großen Übertragungsclustern mit unbekannten Übertragungswegen statt.

In den Fällen, in denen ganze Genome verfügbar waren, konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die Viren, mit denen die Personen infiziert waren, die Signatur der Viren aufwiesen, die aus den Nerzen isoliert worden waren. Dies beweist, dass tatsächlich eine Übertragung von SARS-CoV-2 innerhalb der Nerzfarmen vom Menschen zum Tier und zurück zum Menschen stattgefunden hat.

Die Forscher weisen darauf hin, dass das Problem weiter aufmerksam beobachtet werden muss, um zu verstehen, ob eine Gefahr besteht, dass Nerze und verwandte Arten zu einem Reservoir von SARS-CoV-2 werden könnten.

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