Pharmazeutische Zeitung online
Obduktionen

Mit oder am Coronavirus gestorben?

Bei der Mehrzahl der verstorbenen Covid-19-Patienten war die Coronavirusinfektion auch die Todesursache. Das gaben gestern Verbände deutscher Pathologen bekannt. Die wenigsten Verstorbenen werden aber obduziert.
Christina Hohmann-Jeddi
21.08.2020  15:00 Uhr

Häufig wurde diskutiert, ob Covid-19-Patienten mit oder an der Virusinfektion sterben. Diese Frage haben gestern Vertreter des Bundesverbandes Deutscher Pathologen (BDP), der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie sowie der Covid-19 Obduktionsregister (DeRegCOVID und CNS-COVID19) in einer gemeinsamen Pressekonferenz beantwortet: Die große Mehrheit der Patienten stirbt an den Folgen der Infektion. »In mehr als drei Viertel der 154 ausgewerteten Obduktionen konnte die Covid-19-Erkrankung als wesentliche oder alleinige zum Tode führende Erkrankung dokumentiert werden«, berichtete Professor Dr. Johannes Friemann vom Vorstand des BDP. Die obduzierten Patienten waren im Mittel 69 Jahre alt, zwei Drittel waren Männer. Den vorgestellten Daten zufolge waren bei nur 8 Prozent der obduzierten Patienten der PCR-Test auf das Virus zwar positiv, aber kein charakteristischer Organbefall zu erkennen und damit Covid-19 nicht die Todesursache.

Bei den SARS-CoV-2-induzierten Organschäden stehen Schädigungen an der Lunge (diffuser Alveolarschaden, 52 Prozent der Obduktionen) den Pathologen zufolge zusammen mit Mikro- und Makrothromben beziehungsweise deren Folgen an verschiedenen Organen (39 Prozent) ganz im Vordergrund. Hinweise auf möglicherweise virusassoziierte Schäden des Immunsystems, der Leber, des Herzens und des Zentralnervensystems bedürften der weiteren Aufklärung. SARS-CoV-2 verursacht nicht nur Schädigungen der Lungen, sondern betrifft auch andere Organsysteme und könne »daher mitnichten mit einem normalen Grippevirus gleichgesetzt werden«.

Wesentliche Komorbiditäten sind den Angaben zufolge kardiovaskuläre Erkrankungen (etwa 43 Prozent), vorbestehende Lungenerkrankungen (etwa 16 Prozent) und Stoffwechselerkrankungen wie Adipositas und Diabetes mellitus (etwa 12 Prozent). In etwa 8 Prozent der Fälle wurden komplizierte bakterielle Infektionen beobachtet.

Die Pathologen betonten in der Pressekonferenz, dass Obduktionen maßgeblich dazu beigetragen haben, die Pathologie von Covid-19 besser zu verstehen. In sie müsste stärker investiert werden. »Klinische Obduktionen bedürfen als Verfahren zur Aufklärung der formalen und kausalen Pathogenese lebensbedrohlicher Infektionserkrankungen einer besseren institutionellen Absicherung«, sagte Friemann. Sie sollten als Frühwarnsystem für eine erhöhte Letalitätsrate von Infektionen etabliert werden, fordern die Pathologen.

In einem Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) heißt es: »Laut einer aktuellen Umfrage des BDP haben bis Ende Juni nur 26 von 450 deutschen Pathologie- und Neuropathologieinstituten die Durchführung von Obduktionen bei letalen Covid-19-Erkrankungen gemeldet.« 154 Obduktionen bei bisher mehr als 9000 Todesfällen in Deutschland infolge der COVID-19-Pandemie seien mit etwa 2 Prozent eine völlig unzureichende Quote. Der Gesundheitsminister solle durch Unterstützung des deutschen Obduktionswesens die Situation verbessern.

Mehr von Avoxa