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Medikationsanalysen
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Mit kleinen Schritten zum Erfolg

Geriatrische Patienten stellen – pharmazeutisch gesehen – oft eine Herausforderung dar. Multimorbidität mit nachfolgender Polymedikation machen Medikationsanalysen komplex. Wie man den Überblick behält und bereits mit Kleinigkeiten Verbesserungen erzielen kann, zeigte das aktuelle Webinar der pDL-Akademie.
AutorKontaktJohanna Hauser
Datum 24.02.2026  09:00 Uhr

Eine 89-jährige Patientin mit aktuell reduziertem Allgemeinzustand, verstärkt eingeschränkter kognitiver Leistung, persistierendem Reizhusten (geringste Belastung führen zu Atemnot) und Obstipation klagt über Übelkeit und Schluckbeschwerden und weist Handhabungsprobleme im Umgang mit dem Inhalator auf. Die Diagnosen lauten gemäß Medikationsplan: Zustand nach Apoplex, Herzinsuffizienz (NYHA II) mit hypertensiver Herzerkrankung, COPD, Gonarthrose, akuter Harnwegsinfekt.

Als Einstieg in die Analyse empfahl Ina Richling, Apothekerin aus Menden mit jahrelanger Erfahrung in Medikationsanalysen, verschiedene Sichtweisen einzunehmen und eine Priorisierung vorzunehmen: Was sind die Hauptbeschwerden der Patientin? Erfolgt die Therapie leitliniengerecht? Was sind die Therapieziele?

Arzneimittel Dosierung
Beclomethason/Formoterol DA 2-0-2
Prednisolon 10 mg Tbl. 1-0-0
ASS 100 mg Tbl. 1-0-0
Torasemid 10 mg Tbl. 1-0-0
Vitamin D 1000 IE Kps. 1-0-0
Bisoprolol 5 mg Tbl. 1-0-0
Tramadol 100 retard Kps. 1-0-1
Oxybutynin 5 mg Tbl. 1-1-1
Pantoprazol 40 mg Tbl. 1-0-0
Amitriptylin 25 mg Tbl. 0-0-1
Noscapin 25 mg Tbl. bei Husten 2 Tbl., bis zu 3 x tgl
Diclofenac Schmerzgel bei Bedarf
Ciprofloxacin 250 mg Tbl. 1-0-1
Ursprünglicher Medikationsplan der Patientin.

Mit wenig viel erreichen

Ein intensiverer Blick auf die Medikation warf hier gleich mehrere Probleme auf. Eigentlich waren nur ASS und Vitamin D nicht mit Problemen behaftet. Zwei große Blöcke nehmen die COPD und die Herzinsuffizienz ein. Eine gute Einstellung beziehungsweise leitliniengerechte Anpassung beider Erkrankungen könne möglicherweise deutliche Verbesserungen für die Patientin bedeuten, so Richling, zum Beispiel eine Besserung des Reizhustens sowie der Inkontinenz durch einen verminderten Flüssigkeitsdruck auf die Blase. Sollte hier eine Medikation dennoch notwendig sein, könne ein Switch von Oxybutynin auf das nicht ZNS-gängige Trospium erwogen werden.

Mit Oxybutynin, Amitriptylin und Tramadol haben gleich drei Arzneimittel anticholinerge Nebenwirkungen. Um die anticholinerge Last und damit verbundene kognitive Einschränkungen zu reduzieren, könne auch die Indikation des Amitriptylins hinterfragt werden – Melperon oder Pipamperon bieten sich als Alternativen bei Unruhe und Schlafproblemen an.

Inhalationstechnik überprüfen

Mit einer intensivierten Schulung der Inhalationstechnik könne der Apotheker bereits ohne Rücksprache mit dem Arzt viel erreichen, ergänzt Dr. Annegret Fröbel, niedergelassene Allgemeinmedizinerin und Mitglied des Pharma4u-Ärzteteams. Eine korrekt durchgeführte Inhalationstechnik bedeute schließlich, dass überhaupt Wirkstoff an seinen Zielort gelange. 

Es lohnt sich auch immer, einen Blick auf eine neu verordnete Akutmedikation zu werfen – in diesem Fall das Antibiotikum. Ciprofloxacin ist nicht Therapie der ersten Wahl bei Blasenentzündung. Hier wäre – falls die Medikation nicht bereits begonnen wurde – Pivmecillinam besser. Optimalerweise erfolgt eine Rücksprache bereits bei Vorlegen der Verschreibung.

Arztbrief vorsichtig formulieren

Ferner könne man im Arztbrief ein Ausschleichen des Protonenpumpeninhibitors Pantoprazol anregen. Zwar bekommt die Patientin ASS nach Apoplex, dies rechtfertige allerdings nicht den Einsatz des PPI, so Fröbel. Auch der Einsatz von Tramadol könne hinterfragt werden, da dies insbesondere bei geriatrischen Patienten vermehrt zu Übelkeit und Krampfneigung führt. Bei Gonarthrose im Knie biete sich eine rein topische Therapie an. Andernfalls sei ein Umstieg auf Metamizol oder Tilidin möglich, so die Ärztin.

Im Arztbrief rät Fröbel zu vorsichtigen Formulierungen. Nach einem einleitenden Satz solle vermehrt im Konjunktiv formuliert werden, insbesondere bei komplexen Fällen. So werde der Arzt in seiner Therapiefreiheit nicht eingeschränkt. Andernfalls könne er sich auf den Schlips getreten fühlen. Kenne man den verschreibenden Arzt gut, könne man auch gerne kurz und knackig formulieren.

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