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Brustkrebs

Metastasen bilden sich womöglich eher nachts

Forscher aus der Schweiz berichten aktuell, dass die Tumoren bei Brustkrebspatientinnen vor allem in Ruhephasen des Körpers Metastasen bilden könnten. Sollte sich das bestätigen, könnte es Konsequenzen für die Therapieplanung haben.
Annette Rößler
29.06.2022  14:00 Uhr
Metastasen bilden sich womöglich eher nachts

Metastasen sind Absiedelungen eines Primärtumors in anderen Körperregionen. Sie entstehen aus Zellen des Ursprungstumors, die sich von diesem lösen und über die Blutbahn abtransportiert werden. Für den kurzen Zeitraum, den sie brauchen, um sich an einem neuen Standort festzusetzen, sind sie als sogenannte zirkulierende Tumorzellen (CTC) im Blut nachweisbar.

Bisher sei man davon ausgegangen, dass CTC von Tumoren kontinuierlich beziehungsweise infolge von mechanischer Belastung abgegeben werden, schreibt eine Forschergruppe um Professor Dr. Zoi Diamantopoulou von der ETH Zürich im Fachjournal »Nature«. Die Wissenschaftler berichten in dem Artikel nun aber über Ergebnisse, die eine tageszeitabhängige Dynamik bei der Freisetzung von CTC nahelegen.

Mehr CTC in Ruhephasen

Probandinnen der Untersuchung waren 30 Frauen mit Brustkrebs, darunter 21, bei denen der Tumor noch keine Metastasen gebildet hatte, und neun mit metastasierter Erkrankung. Die Patientinnen befanden sich entweder gerade in einer Therapiepause oder hatten noch keine Therapie begonnen. Die Forscher nahmen ihnen einmalig an einem Tag jeweils um 10 Uhr am Morgen und um 4 Uhr in der Nacht Blut ab und untersuchten diese Blutproben auf CTC. Dabei stellten sie fest, dass in den Proben aus der Nacht deutlich mehr CTC vorhanden waren als in den Vormittagsproben.

Der Befund, dass der Tumor offenbar in der Ruhephase des Körpers vermehrt CTC freisetzt, ließ sich bei Mäusen mit Brustkrebs bestätigen. Auch bei ihnen zeigte sich ein deutlicher Anstieg der CTC während der Schlafphase (die bei Mäusen als nachtaktiven Tieren allerdings tagsüber ist). Verabreichten die Forscher den Mäusen das schlaffördernde Hormon Melatonin, führte dies ebenfalls zu einer deutlichen Zunahme der CTC.

Da nicht alle CTC gleich gut darin sind, tatsächlich auch Metastasen zu bilden, untersuchten die Forscher zuletzt auch noch diese Fähigkeit der zu verschiedenen Tageszeiten gewonnenen CTC. Sie injizierten dazu diese Zellen in tumorfreie Mäuse. Daraufhin bildeten CTC aus der Ruhephase Tumore, solche aus der aktiven Phase dagegen nicht. Zudem entstanden bei den Mäusen auch eher Tumore, wenn die CTC ihnen in der Ruhephase injiziert worden waren.

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