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Influenza

Lieber Kinder statt Alte impfen?

Bei Älteren verläuft eine Grippe häufig schwerer als bei Jüngeren. Deshalb gilt für Senioren eine generelle Influenza-Impfempfehlung. Eine neue Studie zeigt: Sinnvoll wäre es, auch Kinder zu impfen, denn sie sind die Hauptüberträger.
Annette Mende
02.03.2020  11:00 Uhr

Eine Grippeinfektion führt bei älteren Menschen deutlich häufiger zu Krankenhausaufenthalten oder gar zum Tod als bei jüngeren. Die aktuelle Grippewelle, die offenbar bereits wieder abebbt, ist da ein gutes Beispiel: Von den bislang 161 registrierten Grippetoten dieses Winters waren 85 Prozent 60 Jahre oder älter. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt daher allen Menschen ab 60, sich jährlich gegen Grippe impfen zu lassen.

Unter Experten gilt diese Empfehlung aber durchaus nicht als alternativlos, wie eine Gruppe um Dr. Michael L. Anderson von der University of California in Berkeley im Fachjournal »Annals of Internal Medicine« ausführt. Es leuchte zwar ein, besonders vulnerable Gruppen wie ältere Menschen und chronisch Kranke zu impfen, weil sie die Hauptlast der grippebedingten Morbidität und Mortalität trügen. Epidemiologische Modellrechnungen hätten aber ergeben, dass die Impfung von Kindern – eine Bevölkerungsgruppe, die häufig Influenza überträgt – diese Menschen besser schützen könnte als die Impfung der eigentlichen Risikogruppen.

Anderson und Kollegen stellten sich daher die Frage, wie effektiv die Grippeimpfung bei Älteren überhaupt ist. Hierzu gebe es bislang lediglich Daten aus Beobachtungsstudien mit vorwiegend traditionellen Designs wie Kohorten- oder Fall-Kontroll-Studien, doch diese seien anfällig für Verzerrungen. Um das Verzerrungsrisiko möglichst weit zu senken, wendeten sie das statistische Verfahren der Regressions-Diskontinuitäts-Analyse an. Hierbei wird eine von außen vorgegebene Veränderung – Diskontinuität – einer Variablen genutzt, um quasi zufällig eine Interventions- und eine Kontrollgruppe zu bilden.

Im konkreten Fall betrachteten die Forscher die Zeit vor und nach der Einführung der Influenza-Impfempfehlung für alle Personen ab 65 in Großbritannien in der Grippesaison 2000/2001. Indem sie ausschließlich Menschen um die 65 in die Analyse einbezogen, waren sie in der Lage, zwei Gruppen zu bilden, die sich abgesehen von der Impfrate kaum unterschieden. Insgesamt wurden 170 Millionen Behandlungsepisoden und 7,6 Millionen Todesfälle berücksichtigt.

Ältere Studien widerlegt

Das Ergebnis: Personen über 65 Jahren waren statistisch signifikant häufiger gegen Influenza geimpft als jüngere, auf die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Sterberaten hatte die höhere Impfrate aber keinen Einfluss. »Es gab keine Evidenz dafür, dass die Impfung Hospitalisierungen oder die Mortalität bei Älteren reduziert«, schreiben die Autoren und fügen selbstbewusst hinzu: »Die Schätzungen waren genau genug, um die Ergebnisse vieler früherer Studien zu widerlegen.«

Dass die Effektivität der Grippeimpfung bei Senioren so deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb, lässt sich wohl am ehesten mit dem Phänomen der Immunseneszenz erklären. Die Alterung des Immunsystems führt dazu, dass Menschen im vorgerückten Alter nach einer Impfung deutlich weniger Antikörper bilden als Junge – mitunter so wenige, dass es für einen Schutz vor einer Infektion nicht ausreicht. Für ältere Impflinge sind daher adjuvantierte Impfstoffe oder solche mit erhöhter Antigenmenge zu empfehlen.

Anderson und Kollegen können anhand ihrer Ergebnisse eine Schutzwirkung der Grippeimpfung vor schweren Verläufen bei Älteren nicht gänzlich ausschließen. Diese sei zwar höchstens moderat ausgeprägt, rechtfertige aber, die Impfempfehlung für diese Bevölkerungsgruppe beizubehalten – vor allem mit hoch dosierten Vakzinen. Zweifelhaft ist aus ihrer Sicht dagegen der Erfolg der Strategie, bevorzugt Ältere mit Standard-Impfstoffen zu impfen. Um die grippebedingte Krankheits- und Mortalitätslast von Senioren zu senken, sollten auch weitere Zielgruppen wie Kinder und andere Überträger entsprechend adressiert werden.

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