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Nebennieren

Kleine Drüsen mit großer Bedeutung

Cushing-Syndrom: zu viel Cortisol

Ein Zuviel an Cortisol ist dauerhaft ebenfalls schädlich. Dazu kann es kommen, wenn der Körper zu viel Hormon produziert (Morbus Cushing) oder wenn Patienten längere Zeit hochdosiert Cortisol-Präparate einnehmen.

Die Auswirkungen lassen sich bereits äußerlich erkennen. Typisch sind Stammfettsucht mit schlanken Extremitäten, Vollmondgesicht und Stiernacken. Charakteristische Beschwerden sind Hautatrophie, diabetische Stoffwechsellage mit erhöhten Glucosespiegeln und Blutfetten (»Steroid­diabetes«) sowie Muskelschwäche und Osteoporose. Eine erhöhte Infektanfälligkeit tritt auf, ebenso Hypertonie, die durch die vermehrte Natrium- und Wasserretention bedingt ist. Frauen entwickeln infolge der androgenen Effekte eine unreine Haut, die sogenannte Steroidakne, und Zyklus­störungen (9, 10).

Am häufigsten tritt ein Überschuss an Cortisol bei Patienten auf, die über eine längere Zeit mit Cortisol oral oder intravenös oberhalb der individuell ­unterschiedlichen Cushing-Schwellendosis behandelt werden. Auch intramuskuläre oder intraartikuläre Gaben sind kritisch (Tabelle 2).

Wirkstoff Relative glucocorticoide Wirkstärke Relative mineralocorticoide Wirkstärke Cushing-Schwelle (mg/Tag)
Hydrocortison 1 1 30
Cortisol 0,8 0,8 40
Prednison, Prednisolon 4 0,8 7,5
Methylprednisolon 5 ~0 6
Triamcinolon 5 ~0 6
Dexamethason 30 ~0 1
Betamethason 30 ~0 1
Fluocortolon 5 ~0 7,5
Tabelle 2: Äquivalenzdosen; relative Wirkstärken im Vergleich zu körpereigenem Cortisol (30, 31)

Produziert der Körper hingegen zu viel Cortisol, sind zwei Formen zu ­unterscheiden. Beim hypothalamisch-hypophysären Typ, auch als echter Morbus Cushing oder zentrales Cushing-Syndrom bezeichnet, verursacht ein ACTH-produzierendes Hypophysen-Adenom die Überfunktion. An dieser Form leiden etwa 70 Prozent der Patienten. Beim selteneren ACTH-­unabhängigen Cushing-Syndrom ist meistens ein Tumor der NNR für die ­erhöhte Cortisol-Produktion verantwortlich. Bei wenigen Patienten stellen Ärzte eine ektope ACTH-Produktion fest (paraneoplastisches Syndrom). Das bedeutet, dass Tumoren wie das Bronchial-, Leberzell- oder Nierenkarzinom selbst ACTH produzieren (9, 10).

Auch bei Kindern kann ein Cushing-Syndrom auftreten, am häufigsten nach lang dauernder hochdosierter Glucocorticoid- oder ACTH-Therapie. Die S1-Leitlinie zum Cushing-Syndrom im Kindesalter von 2020 empfiehlt je nach individueller Situation eine ope­rative oder medikamentöse Therapie oder eine Bestrahlung. Im Verlauf sollte ein Arzt die Nebennierenfunktion regelmäßig überprüfen (11).

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